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  • 02. März 2024

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Höhenwege 1 und 2 im Aostatal (Alta Via 1 e 2 della Valle d'Aosta / Haute Route 1 et 2 de la Vallée d'Aoste) 2023

22.08. bis 09.09.2023 (18 Etappen) / 402,4 km / 27.175 Hm+ / 27.175 Hm- 

Collage FotorAV1 2aaa

Seit elf Jahren haben Ute und ich einen "Rucksack" im Aostatal stehen, der umgangssprachlich für etwas Nichtvollendetes herhalten muß. Obwohl wir bisher alle uns in diesem Gebiet gestellten Aufgaben gelöst haben, wurmt uns doch die Tatsache, etwas nicht erledigt zu haben - und zwar der langersehnte Traum vom Abwandern der Höhenwege 1 und 2, die das Aostatal in einer großen Schleife umrunden.

Rückblick: im Jahr 2012, der läuferischen Sturm- und Drangzeit meinerseits, gab es im Aostatal etwas, was für den Otto-Normalsportler schier unvorstellbar erschien - den Endurancetrail TOR DES GÉANTS. Eine Nonstop-Laufveranstaltung mit 330 Kilometern Streckenlänge mitten durch die Berglandschaft der autonomen Region Aosta - eine Legende entstand. Im Premierenjahr 2010 gewannen die Meraner Geschwister Ulrich und Annemarie Gross dieses Abenteuer, im Jahr darauf wurde der Erstplazierte Marco Gazzola disqualifiziert, weil er auf den letzten sechs Kilometern eine andere Strecke "wählte". Ich war infiziert und meldete mich im Frühjahr 2012 für dieses Großereignis an. Für das "Wettkampfformat" konnte sich Ute in jener Zeit noch nicht begeistern und wählte eine damals noch völlig unkompliziert mögliche Art der Läuferbetreuung. Während ich mich also voll dem TOR widmen konnte, kümmerte sich Ute um die Koordination meinerseits in den sieben großen "Base Vitas". Sie nutzte ihre "freie Zeit" mit dem "Erkunden" der Strecke oder lief dann auch Teile der Runde mit mir gemeinsam ab. Ungefähr 180 Kilometer wies ihr Tacho nach Beendigung des Spektakels dann auch auf.

                               Zielankunft beim TOR DES GÉANTS 2012 nach 332 Kilometern und 137:06:00 Stunden in Courmayeur

Die damalige 3. "Runde der Giganten" war noch irgendwie einzigartig. Doch ein Ende dieses Status' zeichnete sich schon bei der 2012-er Anmeldung ab. Jeder will sich an diesem Kanten versuchen, ja, ihn zumindest einmal ausprobieren - weil eine Qualifikation nicht von Nöten ist. Man muß nur Glück in der Auslosung der limitierten Startplätze haben, die mittlerweile auf 1.200 verdoppelt wurden. Kein Thema, der TOR bleibt ein Mythos, auch wenn er nun mit drei weiteren Streckenangeboten (TOT TRED - 130 km, TOR DES GLACIERS - 450 km, PASSAGE AU MALATRA - 30 km) etwas verwässert wird. Egal, eine Anmeldung dafür kam für uns nicht in Frage, weil es keine Garantie dafür gibt, auch gemeinsam starten zu können, wie es die Gruppenanmeldung beim UTMB sicherstellt. Auch die Erinnerungen an diese Zeit wollten wir einfach nur so stehen lassen, wie sie sind. Vielleicht wandern wir die Strecke, welche ich mit denen der Höhenwege 1 und 2 assoziierte, irgendwann einmal ab. Dann haben wir mehr Zeit für die Dinge neben der Strecke, sehen viele Nachtabschnitte bei Tageslicht, können auch mal die Füße in einem der Bergbäche kühlen und müssen nicht fluchtartig von einem zum anderen Punkt hetzen.

                               Der wetterbedingte TOR-Zieleinlauf nach 303 Kilometern und 123:13:15 Stunden (effettivo) / 117:43:15 (ricalcolato)

Nun ist es (dafür) soweit! Mit zwei noch schwereren Rucksäcken (12,1 kg wiegt Utes Rückenballast, satte 18,8 kg mein Zusatzgewicht) machen wir uns auf den Weg nach Italien. Diese Anreise erfolgt dem Zeitgeist entsprechend "klimagerecht" bzw. "klimaneutral" oder eben auch nur ganz unspektakulär (ohne sich als Weltretter feiern zu lassen) mit Bus und Bahn. Das dauert zwar etwas länger als eine Fahrt mit dem eigenen Kfz, spart aber ungemein Nerven und man kommt ausgeruht am Urlaubsort an. Zudem ist es schwierig, für das Fahrzeug einen geeigneten Stellplatz für (geplante) vier Wochen zu finden.

P1060669 FotorAVAV2karteAlta Via 1 (rot) und Alta Via 2 (gelb)

Die Realität ist jedoch etwas abweichend vom ganzen Streßfrei-Geschwafel. Die erste Bahnfahrt zum Chemnitzer Hauptbahnhof wird durch eine Notbremsung unterbrochen. Reißt hier etwa schon die Kette der weiteren Anschlußmöglichkeiten? Nein, nach fünf Minuten setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Dafür gibt es Probleme auf der Linie von Chemnitz nach Leipzig. Es ist zu warm und streikende Loks blockieren schon den gesamten Tag über die Strecke. Bis zum Abend hat sich dieses Problem etwas entschärft und nur fünf Minuten Verspätung garantieren bei einer dreiviertel Stunde Umsteigzeit genug Puffer, um gemach im Flixbus (Leipzig - Mailand) platznehmen zu können. In Mailand haben wir dann sogar dreieinhalb Stunden Zeit, bis uns der Bus nach Genf aufsammelt. Doch dieser Bus ist urplötzlich "cancellato". Wir werden daher vom rührigen Vorort-Dispatcher umgebucht. Mit der U-Bahn (einmal umsteigen) gelangen wir zum Mailänder Hauptbahnhof, danach mit einem Pullman-Bus zum Flughafen Malpensa (Terminal 2). Von dort nimmt uns der Bus (welcher nach Lausanne fährt) bis Courmayeur mit. Das wäre dann 3 Uhr nachts. Mit ausruhen hat das nicht viel zu tun - ab und zu gehen da mal die Lichter aus, mehr aber auch nicht. Zum Glück sind wir hellwach, als der Flixbus am Haltepunkt vorbeifährt und erst 300 Meter weiter an einem anderen Punkt hält. Im Laufschritt nehmen wir mit fünf anderen Passagieren diese Hürde. Der Bus ist allerdings überbucht - bis zum Terminal 1 des Mailänder Flughafens habe ich daher nur einen Notzsitz. Danach geht alles seinen geregelten Gang. Mit 22 Minuten Verspätung wirft uns der Bus, nach 34 Stunden Gesamtreisedauer, 6:22 Uhr am Dienstag (statt 20:05 Uhr am Vorabend) in Courmayeur aus. Jetzt sind wir gefordert!

P1060667 FotorAnreiseFlixbus34hNach 34 Stunden Anreise - Ankunft in Courmayeur

22.08.2023 - Alta Via No. 2, Courmayeur - La Thuile (34,6 km / 1.970 Hm+ / 1.760 Hm-)

Umpacken der Sachen im Rucksack, eine kleine Stärkung beim Bäcker und wir begeben uns 7:15 Uhr (an der Scheide von Alta Via 1 und Alta Via 2) am Piazzale Monte Bianco in die Spur. Wir beginnen mit dem Höhenweg 2, da dies auch die Laufrichtung beim TOR ist. Es geht hinab zum tosenden Dora Baltea, der Courmayeur (1.225 m) vom Ortsteil Dolonne (1.210 m) trennt. Ein paar Biegen durch den Ort und wir sind im Zickzack-Anstieg durch den Wald zum Praz Neyron (1.890 m). Es ist verdammt staubig und für die Uhrzeit schon relativ warm. Noch sind wir allein unterwegs, doch dies ändert sich "weiter oben" - schließlich befinden wir uns neben der Alta Via 2 auch auf dem Weitwanderweg TMB (Tour du Mont-Blanc), welcher sehr stark frequentiert ist und in einer Woche "Ausrichter" des UTMB, dem Ultra-Trail du Mont-Blanc, sein wird. Dieser ist mit seinen 170 Kilometern Distanz und 10.000 vertikalen Metern der weltweit bedeutendste Laufwettbewerb dieser Art. Um 9 Uhr erreichen wir die erste Berghütte - Maison Vieille (1.956 m).

P1060675 FotorAV2maisonvieille2023Rifugio Maison Vieille

Wir rasten kurz für je ein Getränk und den obligatorischen Hüttenstempel, ehe wir weiter zum Aussichtspunkt par excelence, dem Arête du Mont Favre (2.435 m) aufsteigen. Dabei handelt es sich um einen Übergang auf einem Bergrücken hoch über dem Val Veny mit phantastischem Blick auf den vor einem liegenden, mächtigen Bergstock des Mont Blanc mit den Aguilles Rouges du Brouillard und dem bizarren Pfeiler der Aiguille Noire du Peuterey. Weiter rechts sieht man auf den imposanten "Zahn des Riesen", Dent du Géant, mit dem sich anschließenden Massiv Les Grandes Jorrasses - es ist einfach schön, wieder hier zu sein!

P1060689 FotorAV2aretedumontfavre2023Mont Blanc (li.), Aiguille Noire du Peuterey (M.) und Grandes Jorasses (re.) 

Nach einer kurzen Pause steigen wir über die ehemaligen Almen Arp Vieille Superiore (2.302 m) und Arp Vieille Inferiore (2.070 m) ins Val Veny hinab. Im Massentourismus rund um den Lac Combal (1.957 m) haben wir schon Mühe ein geeignetes Plätzchen zu finden, um unsere noch nicht ganz warmgelaufenen, dafür aber stark schwitzenden Füße ins kühle Naß zu hängen. Wobei der Begriff "kühl" völlig untertrieben scheint, bei dem Eiswasser, das der Bergbach Doire de Val Veny zu Tale fördert.

P1060699 FotorAV2soldini2023Rifugio Elisabetta Soldini

Unser nächstes Ziel ist die Berghütte Rifugio Elisabetta Soldini (2.168 m), welche am Fuße der Pyramides Calcaires auf ihre zahlreiche Kundschaft wartet. Im offiziellen Wanderführer endet Etappe 1 des Alta Via 2 hier, im "richtigen Leben" kann man sich die deshalb notwendige Anfrage zur Übernachtung auf der Hütte verkneifen (TMB-Überlastung). Das hatten wir auch nicht vor, denn um 14 Uhr ist der Tag noch recht "jung" und unser Tatendrang noch groß. Nach einem Bier und etwas Futter aus dem Rucksack steigen wir die paar Meter zur Talsohle hinab, füllen unsere Flaschen noch einmal mit Wasser auf und verlassen kurz darauf den Trubel des TMB. Die Wegmarkierung der gelben "triangulo" mit der "due" führt linkerhand ins Vallon de la Lex Blanche und hier sind wir (fast) völlig allein. Nur ein Wanderer und zwei E-Biker (die aufgrund der Wegbeschaffenheit ihre Gefährte mehr schieben als nutzen) kommen uns auf dem Zickzack zum Col des Chavannes (2.592 m) entgegen.

P1060701 FotorAV2val veny backBlick zurück ins Val Veny

Der Ausblick vom Paß ist überwältigend. Eine halbe Stunde gönnen wir uns daher, die neu im Panorama erscheinenden Bergspitzen (u.a. Berrio Blanc, Aguille de Glaciers, Aguille de Tré-la-Tête, Mont Lechaud, Mont Percé, Punta di Fornet) zu begutachten. Der am Steinsockel des Sattels angebrachte Wegweiser verkündet bis La Thuile "2h 10min". Es ist 16:30 Uhr, als wir den breiten Schotterweg ins Tal angehen. Wir trödeln dabei nicht, denn hinter uns türmen sich allerhand Wolken auf und trotz der 32°C würden wir gern auf ein Bad "von oben" verzichten. Es gibt eben nur ein Problem mit der Streckenlänge und der Zeitangabe. Beide scheinen nicht aufeinander abgestimmt zu sein, denn La Thuile will einfach nicht auftauchen. Nach zwei Stunden straffen Wanderschritts erreichen wir die Almen Porassey (1.866 m) und wenig später Monquet (1.907 m). Erst 19:15 Uhr stehen wir vor den Toren La Thuiles (1.435 m).

P1060707 FotorAV2colchavannesCol des Chavannes mit Aiguille de Glaciers (M.) und Aiguille de Tré-la-Tête (re.)

Die Quartiersuche gestaltet sich hier recht schwierig. Alle Pensionen und Hotels scheinen voll zu sein oder sie sehen keine Notwendigkeit, für eine Nacht ein Zimmer zur Verfügung zu stellen. Unser Äußeres, in salopper Wandertracht, entspricht auch nicht annähernd der des La-Thuile-Durchschnittstourists, der im feinen Zwirn am Abend durch die Örtlichkeit flaniert. Im vielleicht größten Hotel der Stadt nimmt man uns dann (mit etwas Argwohn) doch noch auf. Eine Art Ferienwohnung in der Mont-Blanc-Residence des Planibel-Hotels für 126 Euro ist unser Schlafplatz nach der ersten Etappe. Zwei Gläser Bier, vor Ort am Imbiß eingenommen, sorgen für die nötige Bettschwere. Nach dem ganzen Reisestreß mit zwei eher durchwachsenen Nächten auf Eisenbänken oder Bussitzen endlich wieder eine Matratze unter'm Arsch - man ist ja auch im Urlaub mit so wenig zufrieden.

P1060711 FotorAV2alm n lathuileChavannes d'en Haut mit Berrio Blanc (re.)

Noch eine Anmerkung zur TOR-Streckenführung: schon in Dolonne kürzt man mit der Passage über den Col d'Arp den Abschnitt bis La Thuile auf rund 17 Kilometer ein. Danach verlaufen TOR und Alta Via bis Champorcher nahezu auf dem gleichen Weg.

P1060713 FotorAV2la thuile latschenErste Verschnaufpause für die Schuhe

23.08.2023 - Alta Via No. 2, La Thuile - Bivacco Cosimo Zappelli (15,2 km / 1.440 Hm+ / 600 Hm-)

Wir haben Zeit, schließlich muß die am gestrigen Abend noch schnell in der Badewanne gewaschene Kleidung zu Ende trocknen. Gut, soviel Zeit ist dann nun auch wieder nicht. Überschlagen müssen wir uns heute jedenfalls nicht. Als Tagesziel ist nur ein Bergauf bis zur Deffeyes-Hütte vorgesehen, da eine Doppeletappe bis Planaval nicht machbar erscheint. Das nötige Frühstück besorgt Ute beim Bäcker und um 10 Uhr stehen wir in den Startlöchern. Von meiner TOR-Teilnahme wußte ich noch schemenhaft den Weg durch den Ort, da uns die Alta-Via-Markierungen (durch die Unterkunftssuche vom Vorabend) erstmal abhandengekommen sind. Beim Gran Trail Courmayeur sind wir hier ja auch lang, nur in der Gegenrichtung. Ein scharfer Verstand ist jetzt gefragt. Erinnerungslücken kann man ja ruhig haben, doch während sie in der Politik regelrecht gesellschaftsfähig sind, sind sie hier gerade etwas unpassend.

P1060724 FotorAV2plateau glacierPlateau Glacier

Wir finden unsere "2" natürlich wieder, rätseln nur über ein kleines Stück "Fußgängerverbot" auf dieser in Höhe des Campingplatzes, weil es als MTB-Piste ausgezeichnet ist. Wir könnten da aber beruhigt unseren Weg fortsetzen, versichert uns eine Einheimische auf Nachfrage. Der Weg steigt allmählig (meist am Torrent du Rutor entlang, in dem wir wiederholt unsere Füße baden) über La Joux (1.605 m) zum Plateau Glacier (2.160 m). Vom Bergsee geht es nun etwas felsiger hoch zum Rifugio Alberto Deffeyes (2.500 m). Es ist 14:30 Uhr, als wir die Hütte erreichen. Gestärkt mit Polenta und Flüssighopfen entscheiden wir uns 15:15 Uhr zur Fortsetzung des Tagesprogramms, da ein Feierabend wirklich noch nicht erklärbar wäre. Ein mir unbekanntes Biwak steht da hinter der nächsten Scharte. Vielleicht kommen wir dort für die Nacht unter? Hoffentlich ist das nicht die Alpeggio di Promoud (VP beim TOR 2012), bei der wir bei unserem 2014-er PTL von kläffenden Hunden empfangen und "vertrieben" wurden.

P1060725 FotorAV2Deffeyes2023Rifugio Alberto Deffeyes

Nur eine Person ist vor uns in diese Richtung aufgebrochen. Er kam aus Richtung Col de Planaval und hat nicht an der Hütte Station gemacht. Seltsam! Auf halben Weg zum Paß holen wir ihn ein, da er auf einem Felsvorsprung pausiert. Er sei Portugiese und wollte den TOR450 abwandern, kehrte jedoch am ersten Gletscher wieder um, da er sich der Sache ausrüstungsmäßig nicht gewachsen sah. Vernünftig! Nun wandert er eben "nur" den TOR330 ab. Da er auch noch keinen Plan hat, wo er diese Nacht zubringt, erzähle ich ihm von jenem Biwak, welches wir auch im Visier haben.

WWWU4237 Kopie FotorpasoaltohautpasPasso Alto / Haut Pas

Der gemächlich dahinplätschernde Weg wird nun steiler und steiniger - der Anstieg zum Haut Pas (2.860 m) ist standesgemäß. Eine halbe Stunde Rast gönnen wir uns auf dem Passo Alto (wie er im Italienischen heißt), ehe wir 17:15 Uhr unsere Reise in die andere Talseite fortsetzen. Nach nicht ganz einer Stunde Fußmarsch stehen wir vor dem Bivacco Cosimo Zappelli (2.275 m). Dieses wurde 2021 von der Gemeinde La Salle mit vorgefertigten Holzmodulen errichtet, nachdem eine Lawine das Biwak in Promoud vernichtete. Zehn Schlafplätze bietet diese Notunterkunft an, von denen erst sechs belegt sind (fünf Italiener und der Portugiese). Unweit der Biwakschachtel ist eine Waschstelle mit kristallklarem Bergwasser eingerichtet. Zum Abendbrot gibt es noch ein paar Kleinigkeiten aus dem Rucksack, dazu die Umrahmung des Tales durch die Berge mit Sonnenuntergang - mehr braucht man an diesem Tag nicht, um glücklich zu sein!

P1060751 FotorZappelli1Bivacco Cosimo Zappelli

24.08.2023 - Alta Via No. 2, Bivacco Cosimo Zappelli - Valgrisenche (17,0 km / 910 Hm+ /1.521 Hm-)

Heute geht es schon kurz nach 6 Uhr aus den Federn. Ein ganz kleines Frühstück muß ausreichen, denn der Schatten der Berge soll den nächsten Anstieg erträglicher machen. Halb acht brechen wir auf. Es geht bergab, bis zum Torrente Lenteney, der auf einer Holzbrücke (2.120 m) überquert wird.

HBIM2993 Kopie Fotor CollageCROSATIEzweimalAufstieg zum Paß  /  Col de la Crosatie

Dann beginnt der Anstieg zum Col de la Crosatie (2.838 m) - anfangs in unzähligen Kehren, welche im Fels enden, der zusätzlich mit Seilen gesichert ist. Nach zwei Stunden stehen wir oben und gönnen uns eine halbstündige Pause zum Sättigen der Augen und des Magens.

P1060767 FotorAV2crosatie mblancBlick vom Col de la Crosatie zum Mont Blanc (mit Wolke) und die Grandes Jorasses (re.)

Es ist zu schön hier oben, doch irgendwann müssen wir weiter (schließlich ist der Tag kein Gummiband). Wir steigen in die andere Talseite hinab. Etwas unterhalb des Crosatie steht eine Steinsäule, die an den beim 2013-er TOR tödlich verunglückten Chinesen Yang Yuan erinnert.

Collage FotorAV2abstieg v crosatieGedenkstein für Yang Yuan     /     Lac de Fond mit Mont Doravidi

Schon von weit oben ist ein herrlich in einen Bergkessel eingebetteter See erkennbar, der Lac du Fond (2.436 m). Vor rund 20 Jahren hätte man diesen als Höhenweg-2-Wanderer gar nicht zu Gesicht bekommen, ebenso die Sattel Haut Pas und Col de la Crosatie, denn der Alta Via führte damals von der Deffeyes-Hütte noch über den Col Planaval sowie die Gletscher von Rutor und Château Blanc und traf erst unterhalb des Sees, bei den Baraques du Fond (2.338 m) auf die jetzige Route. Wir machen an diesem Bergsee Rast und nutzen das Gewässer nebenbei zum Abkühlen der Füße.

P1060777 FotorAV2baraquesBaraques du Fond mit Mont Doravidi

Auf einer felsigen Hochebene geht es danach sachte bergab. Vorbei an einem Sammelbecken des lokalen Wasserwerks und den Überbleibseln der Alm von Bévévy (1.950 m). Die Waldgrenze ist nun erreicht und der Weg wird staubiger. Bei der Siedlung La Clusaz (1.694 m) folgt ein kurzes Asphaltstück, bevor es noch auf einem Grasweg hinüber zur Casaforte di Planaval, einer heute im Privatbesitz befindlichen, einst strategisch wichtigen Höhenburg (Grundriß nur 15,5 x 10 Meter) aus dem 10. Jahrhundert, geht.

P1060784 abstieg nach planavalAbstieg nach Planaval

Am Brunnen, am Ortseingang von Planaval, füllen wir zuerst unsere leeren Flaschen wieder auf. Danach statten wir dem Hotel Paramont einen Pflichtbesuch ab. Als wir 2014 im Zuge des PTL vom Crosatie ins Tal abstiegen, fabulierte Mitstreiter Torsten stets von einem Bäcker, der "dort unten" im Ort sein wird. Doch schon da mußte ich ihn enttäuschen, da ich die Infrastruktur Planavals noch vom TOR kannte. Wir landeten, weil die Bäckerei fehlte, des damaligen Morgens in jenem Hotel. Eine ältere Frau und ihr Sohn (der mit gebrochenem Arm agierte) bewirtschafteten das Haus und wir waren froh, uns dort stärken zu können. Sogar die Fußballergebnisse in der La Gazzetta dello Sport studierte ich an jenem Tag. Das Hotel war urig. Das Inventar stammte wohlmöglich noch aus den Fünfzigern oder war noch älter. Doch wir waren ja "im Wettkampf" und für Nostalgie blieb keine Zeit. Heute ist das anders. Wir bestellen uns zu Essen und zu Trinken. Auch wenn Gebäude und Einrichtung viel von ihrem Reiz verloren haben, verweilt man gern an diesem Ort.

P1060785 planaval ortPlanaval

Entlang des Flußes Dora di Valgrisenche nehmen wir nun die letzten Kilometer bis zu unserer Herberge, die wir uns in Valgrisenche erhoffen. Der Weg führt im Auf und Ab durch Wald und über Wiesen, wir passieren mehrere Weiler und werden von Flächensprengern schon mal vorsorglich kalt abgegeduscht. 

P1060794 Valgrisenche regensprengerRegensimulation auf dem Weg nach Valgrisenche

In Valgrisenche (1.664 m) hat der örtliche Lebensmittelhändler sein Geschäft noch geöffnet (es ist ja auch erst 16:15 Uhr), so daß wir uns für den Abend und den nächsten Tag versorgen können. Schwieriger ist da schon die Bettensuche, doch Ute wird fündig: oberhalb der Kirche können wir im Le Vieux Quartier nachfragen - das wäre dann ab 18:30 Uhr. Es klappt und 19 Uhr haben wir ein Vier-Betten-Zimmer für uns. Spartanisch eingerichtet und verdammt harte Liegeflächen gönnen dem Rücken des nachts keine Erholungsphase - doch da scheint der schwere Rucksack am nächsten Tag direkt eine Wohltat zu werden.

P1060801 FotorAV2valgrisencheunterkLe Vieux Quartier in Valgrisenche

25.08.2023 - Alta Via No. 2, Valgrisenche - Rifugio delle Marmotte (18,4 km / 1.630 Hm+ / 1.154 Hm-)

Der "innere" Wecker treibt uns 6:15 Uhr aus den Federn. Bis alles wieder im Rucksack verstaut ist und die notwendige Minimalvariante eines Frühstücks hinter uns liegt, vergeht eine Stunde. Dann machen wir uns aber auf den Weg. Genau vor unserer Quartiertür wird in 16 Tagen die erste große Verpflegung des TOR sein. Von der die Läufer jedoch wieder gen Ortsmitte laufen. Die Markierung der Vorjahre weist aber in die andere Richtung. Das wollen wir so beibehalten und gehen den Bogen um das Le Vieux. Danach sind wir wieder mit Alta Via und aktueller TOR-Strecke im Einklang und nehmen den kurzen Straßenabschnitt bis Mondanges (1.680 m). Am Sportplatz machen wir noch ein paar Bilder, ehe wir in den Wald einbiegen. Der Pfad wird steiler und verwurzelter, den Wegrand säumen alte Lärchen und Heidelbeeren (für das 2. Frühstück!) gibt es auch en masse.

LVRX2837LarixLEPEEanstiegLärchen am Weg zum Rifugio Chalet de l'Epée

Um 10 Uhr sind wir am Rifugio Chalet de l'Epée (2.370 m) angelangt. Eine halbstündige Rast mit drittem Frühstück (Lemon-Soda und Rucksackverpflegung) gönnen wir uns, ehe wir den nächsten Paß in Angriff nehmen. Auf der weiten Hochebene des Val de Bouc gibt es wieder jede Menge vor uns flüchtende, fette Murmeltiere zu sehen. Der Anstieg zur Scharte ist dann steil und in mehreren Serpentinen zu bewerkstelligen. Am Col Fenêtre (2.840 m) pfeift ein ordentlicher Wind. Die Sicht ist phänomenal: neben einem großartigen Talblick beiderseits erheben sich am Horizont u.a. Punta Bioula, Col di Sort, Punta Fora, Becca di Tsambeina, Mont Ormelune, Col du Mont, Gran Becca du Mont, Becca du Lac und Becca di Ceres. 

P1060838 FotorAV2colfenetrepassCol Fênetre

Der Abstieg ins Tal wird mit anderthalber Stunde am Steinsockel angegeben. Wir müssen schmunzeln - viel zu optimistisch für Wanderer, denn es folgt ein recht fordernder Abschnitt. Fast senkrecht schlängelt sich der Pfad im Geröllhang hinab und ist im unteren Teil an mehreren Stellen (an starken Ausspülungen) mit Seilen gesichert. Diesen Teil hatte ich 2012 in der Nacht zu absolvieren - es war schon ein kleines Abenteuer für mich. 

P1060842 FotorAV2fenetreabstiegAbstieg vom Col Fenêtre nach Rhêmes-Notre-Dame

Auf dem weitläufigen Bergrücken wird eine kleine Schlucht gequert und man trifft am Zusammenfluß der beiden Bergbäche auf die Alpage Torrent (2.129 m). Während von rechts die milchige Brühe des Torrent-Gletschers lautstark zu Tale schmettert, ist der Abfluß aus der Rinne des Fenêstre-Paßes regelrecht friedlich und klar. Das Wandern entspricht nun wieder dem "normalen" Wandern, welches man aus den Mittelgebirgen kennt. Das geht so gut, daß Ute den Abzweig des Höhenweges verpaßt und wir daher geringfügig weiter talwärts auf die Straße, welche nach Rhêmes-Notre-Dame (1.722 m) führt, treffen. Letztendlich haben wir die Zeitangabe vom Col um nur 15 Minuten verfehlt - das kann man so gelten lassen. Die Ortschaft hatte ich etwas anders (nämlich viel kleiner) in Erinnerung, doch es war Nacht und ist elf Jahre her - auch das sollte man gelten lassen. Jedenfalls gibt es keinen Lebensmittelladen (oder wir haben ihn nur nicht gefunden) und so müssen wir wieder auf das Angebot aus der Rückenkiepe zurückgreifen.

P1060849 FotorAV2rhemes notre dameBlick von Torrent auf Rhêmes-Notre-Dame

Nach einer Stunde Pause brechen wir wieder auf. Gleich am Ortsausgang geht es in den Gran-Paradiso-Nationalpark. Ein Schild weist darauf hin, was ab hier nun zu unterlassen ist. Was ist aber, wenn wir z.B. am Col Entrelor ein Notbiwak aufschlagen (also nur Schlafsack, kein Zelt), weil wir es nicht mehr bis ins Tal schaffen (Rhêmes - Eaux Rousses 6h 40min)? Gilt dann auch hier die Von-Sonnenuntergang-bis-Sonnenaufgang-Regel, die im alpinen Gelände über 2.500 Metern Seehöhe greift? Dieses Thema wird auf dem Verbotsschild nur mit "Zelten" ("Es soll nicht außerhalb der dafür vorgesehenen Zonen gezeltet werden.") abgetan. Etwas schwammig. Mal sehen, was es mit der auf dem Alta-Via-Wegweiser aufgeführten Hütte (Affittacamere "Rifugio delle Marmotte" 1h 10min) auf sich hat, in unserem Führer (der als Internetausdruck ja aktuell sein müßte) ist sie jedenfalls nicht erwähnt. Wenn wir dort übernachten könnten, wäre ja alles geklärt.

P1060857 FotorAV2weg zur marmotteVal di Entrelor mit Rifugio delle Marmotte

Nach einer Stunde Aufstieg durch den Wald nehmen wir, auch auf Empfehlung eines entgegenkommenden Wanderers, den Abzweig zu erwähnter Hütte. Es handelt sich dabei um die ehemaligen Alpages d'Entrelor (2.142 m), welche zwischen 2013 und 2016 in mühevoller Handarbeit vieler Helfer zu einem wirklich ansehnlichen Aufenthaltsort umgebaut wurden. Mit der Verständigung vor Ort klappt es anfangs nur recht holprig. Wir wollen ja nur ein Getränk und den Hüttenstempel, weil die Zeit drängt. Ob man hier auch übernachten kann? So richtig deutet nichts darauf hin. Auch unser Gesprächspartner ist in der Hinsicht etwas reserviert und empfiehlt uns einen Abstieg zurück nach Rhémes, da es ab 19 Uhr gewittern soll. Das macht uns stutzig. Wir müssen direkter werden: "Kann man auch hier übernachten?" - "Ja, natürlich!" - "Dann bitte zwei Betten und noch zwei Bier!"

P1060860 FotorAV2marmotteschildDie Alpages d'Entrelor heißen seit 2016 Rifugio delle Marmotte

Es ist zwar noch viel Zeit bis zum Dunkelwerden, doch auch noch die Wäsche zu erledigen. Diese trocknet auf der Wäscheleine am Haus sogar noch in der Abendsonne ab. Ein Gewitter ist noch nicht im Anmarsch, allerdings unser Freund aus Portugal. Wir wundern uns, da wir dachten, er wäre uns mit seinem jugendlichen Elan "über alle sieben Berge" davongeeilt. Auch er entscheidet sich, wie sechs Italiener ebenfalls, für ein Nachtquartier in der modernisierten Alm.

P1060864 FotorAV2marmotteabendRifugio delle Marmotte

Das Abendessen ist für 19:30 Uhr terminiert. Vielleicht ist man aber mit dem Ansturm etwas überfordert und so wird es erst 20:15 Uhr, als das Drei-Gänge-Menü auf den Tisch kommt. Kurz nach um neun sind dann alle versorgt und es geht in die Schlafräume.

P1060866 FotorAV2huettenbuch marmotte Rifugio delle Marmotte, Hüttenbuch 

26.08.2023 - Alta Via No. 2, Rifugio delle Marmotte - Rifugio Vittorio Sella (32,6 km / 2.480 Hm+ /2.036 Hm-)

Gegen Mitternacht kommt dann auch das angekündigte Gewitter und das versteht keinen Spaß: Starkregen prasselt hernieder und heftige Einschläge erhellen die Nacht, dazu stürmt es lautstark. Wir sind froh über unsere Entscheidung, den gestrigen Tag hier beendet zu haben.

P1060870 FotorAV2feye Plan de Feye

Nach dem Frühstück verlassen wir 7 Uhr die Hütte. Gegen 6 Uhr war schon unser portugiesischer Freund gestartet und 6:45 Uhr die zwei Italiener, welche in unserem Raum ("Camoscio" - Gemse) genächtigt hatten - beide durchtrainiert und wenn man den gestrigen Gesprächen Glauben schenken durfte, auch so in dieser Gegend recht bewandert. Obwohl wir nicht hasten, haben wir die beiden noch vor der nächsthöheren Alm, der Plan de Feye (2.393 m) eingeholt. Danach sind wir allein, denn beide Italiener haben nicht annähernd unsere Schrittfrequenz. Ganz allein sind wir dann aber doch nicht, denn ab und zu lassen sich Gemsen in den südlichen Geröllhalden der Pointes Gollien blicken.

P1060885 FotorAV2stufen in felsstufe entrelorStufen an einer Felsstufe unterhalb des Col Entrelor

Im oberen Teil des Entrelor müssen mal wieder die Hände aus den Taschen genommen werden, denn Seile und Metalltritte erleichtern dort das Voran- bzw. das Nach-oben-kommen. Unterhalb des Sattels befindet sich dann sogar eine große Biwakstelle unter einem mächtigen Felsblock. Sie ist mit Steinplatten ausgelegt und sicherlich nicht als Frühstücksplatz so hergerichtet worden. Es ist zehn Minuten vor um neun, als wir den Col Entrelor (3.002 m) erreichen. Auch hier unterrichtet uns wieder eine Tafel, die allerdings ein paar Meter vom offiziellen Sockel entfernt angebracht ist, über die in der Ferne sichtbaren Berge und Sattel: Testa del Ruitor, Becca di Invergnan, Becca di Tzambeina, Piccolo Paradiso, Colle Lanzon, Colle Herbetet, Colle Charbonnier und Grivola. Natürlich sollte man in dieser Aufzählung (die unerwähnten) Gran Paradiso und Mont Blanc nicht vergessen.

DFEY4441 Kopie Fotor CollageENTRELORzweimalCol Entrelor

Nach einer halben Stunde Pause setzen wir unsere Tour fort. Wir steigen zu den Seen Lac Nero (2.666 m) und Lac Djouan (2.516 m) ab, passieren die Almen Djouan (2.232 m) und Orvieilles (2.165 m) und erreichen nach etlichen Heidelbeer-Stops 11:45 Uhr Eaux Rousses (1.666 m) im Val Savarenche. 

P1060900 weg mit handlauf eauxWeg mit Handlauf hoch über dem Val Savarenche

An der örtlichen TOR-Verpflegungsstelle (l'Hostellerie du Paradis) versorgen wir uns mit Essen und Trinken für den kommenden Aufstieg. Dieser ist schon so nicht ohne und wird durch den Dauerregen auch nicht leichter. Kurz vor halb eins brechen wir auf. Es geht im Zickzack durch den Wald, der wieder ein paar prächtige Lärchen zur Schau stellt.

P1060913 AufstiegzumLosonRegen, Regen, Regen

Im Anstieg sind wir die einzigen und im Gegenverkehr beschränkt sich die Personenzahl, bis zur Alm Levionaz Inferiore (2.289 m), auf vier. Es ist also nicht viel los - dabei ist selbst bei diesem Mistwetter allein dem Wolkenspiel zwischen den Bäumen und dem Talkessel einiges abzugewinnen. Ein ständiges Auf und Zu des Wolkenvorhanges vor, neben und unter uns - bizarr anmutende Gucklöcher, die kurz darauf geschlossen werden. 

AufstiegzumLoson 00078965Brücke über den Levionaz-Bach

Nach der Alm zieht sich ein Plateau ganz sanft nach oben. Der Regen lässt nach und die Bewölkung gibt immer mehr von der Umgebung frei. Es ist so wunderbar! Einzig das permanente Hämmern des wild ins Tal stürzenden Levionaz-"Baches", den wir später auf einer Holzbrücke überqueren, lässt die Macht der Natur noch erkennen, die man meist nicht wahrhaben will. Aber auch deren Schönheit kommt im finalen Anstieg zum Paß mal wieder nicht zu kurz. Mehrere Dutzend Steinböcke tummeln sich dort in der Nähe des Pfades, der sich nach oben schlängelt. Auch die Sonne lässt sich kurz vor ihrem Feierabend noch einmal blicken. Beim TOR 2012 hatte ich Probleme mit der Höhe und bin nur im Schneckentempo hier hoch. Dabei kam es allerdings auch zu einem größeren Steinschlag, der die (kurz davor) von mir passierte Streckenführung traf. Das war nicht lustig für den Nachfolgeverkehr!

P1060934 FotorAV2losonsteinbSteinböcke im oberen Teil des Aufstiegs zum Col du Loson

Heute ist es neben der fehlenden Fitness auch der schwere Rucksack, der mich ausbremst. Laut Wegweiser würden wir 18 Uhr am höchsten Punkt der beiden Höhenwege ankommen. Doch wir sind etwas flotter unterwegs und werden dann auch noch schneller, als ein Ankommen um 17:45 Uhr möglich scheint. Der Wettkampfgedanke in uns ist also noch nicht vollends ausgelöscht - 17 Uhr, 44 Minuten und 32 Sekunden zeigt die Uhr am Col du Loson (3.299 m).

P1060953 ColLoson 3299 Col du Loson - höchster Punkt der beiden Höhenwege

Bis 18 Uhr genießen wir die Sicht auf die Trabanten des Gran Paradiso. Der Abstieg im Einheitsgrau der Scharte von Punta del Tuf und Becca di Vermianaz ist anfangs mit Seilen gesichert (weil nur handtuchbreit), wird aber zunehmend einfacher und endet auf einer großen Hochebene, auf der der Torrent de Grand Loson aus vielen kleinen Bächlein entsteht. Das Rifugio Vittorio Sella (2.584 m) ist nun in greifbarer Nähe.

P1060958 Abst LosonAbstieg vom Col du Loson

Es ist 19:15 Uhr, als wir die Sella-Hütte erreichen. Sie scheint gut besucht zu sein, schließlich sind beide Gasträume gut gefüllt. Dann geht alles ganz schnell: Ute macht eine Übernachtung für uns klar und wir sollen sofort am Tisch platznehmen - in einer Viertelstunde wird nämlich das Abendessen serviert. Dieses besteht aus Vorspeise (zweimal Pasta), einer Hauptspeise (Polenta mit Gulasch) und einem Dessert (Kuchen), dazu die üblichen Getränke. Das uns zugewiesene 10-Betten-Nachtlager teilen wir uns mit einem Italiener, der in diesem Jahr zum fünften Mal am TOR teilnehmen wird.

P1060969 FotorAV2sellahuetteRifugio Vittorio Sella

27.08.2023 - Alta Via No. 2, Rifugio Vittorio Sella - Rifugio Miserin (28,3 km / 1.350 Hm+ / 1.346 Hm-)

Unser Tag beginnt 6:45 Uhr und es ist ungemütlich vor der Hütte - Nebel wabert vom Tal nach oben und das Einsetzen des angekündigten Regens scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Schnell schieben wir uns das Hüttenfrühstück hinter die Binde und sind 7:30 Uhr wieder auf Wanderschaft.

P1060977 FotorAV2unterhSellaAlpe Pascieux (2.224 m)

Gemeinsam mit dem Torrent de Grand Loson nehmen wir den Talweg und verabschieden uns an dessen Wasserfall Richtung Botanischer Garten (Giardino botanico Paradisia), der am Ortseingang von Valnontey (1.667 m) liegt. Dem könnte man nun einen Besuch abstatten, doch der Dauerregen macht uns da einen Strich durch die Rechnung. Wir sind einfach schon zu durchnässt und wollen nur schnell weiter. Auch ein fliegender Bekleidungshändler am Straßenrand von Valnontey kann uns mit seinem Angebot an Regenkleidung nicht überzeugen. 

P1060981 FotorAV2valnontey Valnontey

Wir sind also weiter auf der Flucht vor der Nässe. Der Alta Via nimmt ein längeres Stück die Straße Richtung Cogne, welche stellenweise einem kleinen Fluß gleicht. Ein italienischer Audifahrer hat höchstwahrscheinlich Mitleid mit uns und legt den Rückwärtsgang ein. Ob er uns mitnehmen kann, so seine Frage an uns. Doch wir müssen ihm höflich absagen, denn ein "Mut zur Lücke" im Höhenweg geht nun mal nicht!

P1060982 FotorAV2cogne beetGemüsebeet am Ortseingang von Cogne

In Cogne (1.540 m) suchen wir erstmal Schutz unter dem großen Vordach der örtlichen Apotheke, decken uns dort aber nicht mit Amphetaminen oder Schmerzmitteln ein - was hier scheinbar zum guten Ton gehören würde (zumindest ist dies derzeit ein in Italien lange unterdrücktes Thema). Ute kümmert sich da anderweitig. Während ich auf unsere Rucksäcke aufpasse, geht Ute in die Spur, um Regencapes für uns und unsere Rückenkiepen zu holen - bestenfalls diesen Typ Regenmantel, der beides in einem abdeckt. Zudem benötigen wir noch etwas Proviant für den Rest des Tages. Es ist Sonntag aber die Geschäfte haben geöffnet. Für beide Rucksäcke organisiert Ute nach längerer Suche je einen Schutz - die letzten im Sortiment des Sportgeschäfts. Mit Obst und neuen Getränken machen wir 11:30 Uhr wieder los.

Collage FotorVA2champlongDas Ortsschild von Champlong, beidseitig im Bild festgehalten: einmal 2012 beim TOR (li.) und einmal 2023 (re.)

Auf einem Waldweg am Torrent d'Urtier gelangen wir nach Champlong (1.597 m) und wenig später nach Lillaz (1.611 m). Im Ort verliert sich für uns kurz die Markierung des Alta Via. Instinktiv nehmen wir eine Variante auf einem anderen Weg, der in die vorgegebene Richtung führt - vielleicht ist er etwas länger, er trifft nach rund einem Kilometer auf einem grasbewachsenen Plateau (1.695 m), unterhalb des Wasserfalls Cascate di Lillaz, wieder auf das Original. 

P1070010 FotorAV2wegoberhgoillesSerpentinen durch den Lärchenwald des Nationalparks

Den einfachen Pfad zur Goilles Inferiore (1.833 m) säumen viele Lärchen, darunter ein über 300-jähriges Exemplar. Auch oberhalb des Nationalparkeingangs gibt es noch jede Menge alte oder verwachsene Lärchen zu sehen. Auch übervolle Heidelbeerbüsche pflastern den Wegrand - sammeln darf man die Beeren im Parco nazionale del Gran Paradiso nicht, gegen eine kleine Wegzehrung dürfte aber niemand etwas haben.

P1070016 FotorAV2di laCasotto di Teppe Longe

Lange hat sie sich bitten lassen, nun ist sie im vollen Umfang da - die Sonne. Mit ihrer Hilfe trocknen die nassen, am Rucksack baumelnden Klamotten und sogar zu einer halbstündigen Rast oberhalb der Nationalparkhütte Casotto di Teppe Longe (2.160 m) lassen wir uns von ihr einladen. Doch der Schein trügt, denn rasant ziehen sich dicke dunkle Wolken am Himmel zusammen und unser Etappenziel taucht einfach nicht in der weiten Hochebene auf. Als sie dann am Ende eines vom Tal nach oben ziehenden Fahrweges erkennbar ist, steht auch die wiederholte Öffnung der Himmelsschleusen unmittelbar bevor. Unser Schritt wird schneller, so schnell wie lange nicht. Wir wollen doch die sonnengetrocknete Wäsche nicht wieder einweichen (und das so kurz vorm Ziel)! 

P1070030 FotorAV1sogno di berzeRifugio Sogno di Berzè al Péradzà

Geschafft! Wir stehen vor dem Rifugio Sogno di Berzè al Péradzà (2.530 m), dem Etappenort von Etappe 10 des Alta-Via-Reiseführers. Doch das nützt uns nicht viel, da das Bauwerk schon längere Zeit für seine Bestimmung stillgelegt zu sein scheint - wie es der neben der Schutzhütte für den Schäfer abgestellte Wohnwagen dokumentiert. Man hätte also die zwei (von vielleicht sechs) Wegweiser ernstnehmen sollen, auf denen unter der Hütte handschriftlich "chiuso" geschrieben stand. Doch warum war/ist dieser Hinweis nicht auf allen Wegweisern vermerkt? Auf ein Schild kann jeder etwas schreiben, was ist denn dann so eine Information wert, wenn das nicht "richtig", wie z.B. bei den Änderungen der Gehzeiten erfolgt? Hier können wir jedenfalls nicht bleiben. Unter dem Vordach des Hauses ziehen wir die Regensachen über Kopf und Rucksack und stellen uns erneut dem Regenwetter.

P1070036 FotorVA2fenetrechamporcherFenêtre de Champorcher

Wir müssen neben den Hochspannungsmasten die Serpentinen hoch zum Paß. Es schüttet mittlerweile gnadenlos. Zum Glück ist es nur neblig und die Temperatur bleibt zweistellig, denn für den Col du Loson (den gestrigen Feierabend-Paß) hatte man heute früh schon Schnee prophezeit. Der Sattel des Fenêtre de Champorcher (2.827 m) ist geschlossen - zumindest das in seinem Namen befindliche Fenster: keinerlei Sicht (schon gar nicht bis Champorcher!), dafür Nässe und Wind. Zwei alte militärisch genutzte Gebäude findet man auf dem Sattel vor, die jedoch nicht als Biwak nutzbar sind: das größere der beiden ist wegen Einsturzgefahr gesperrt und im anderen regnet es rein. Ein Biwakieren (was möglich wäre, da sich der Col am Ausgang des Nationalparks befindet) hatten wir nicht vor, denn im Abstieg befinden sich gleich zwei Berghütten und eine davon wird wohl geöffnet sein.

P1070043 Fenster ChamporcherFenêtre de Champorcher / Finestra di Champorcher / Fenster von Champorcher

Wir nähern uns dem Lac Miserin, an dem u.a. das Rifugio Miserin (2.588 m) steht. Doch ich ahne schlimmes. Auch hier ist keinerlei Hüttenleben in Sicht, alles ist dunkel und Parallelen zur Sogno di Berzè sind erkennbar. Wir schleichen trotzdem um das Haus und obwohl alles verrammelt ist, steht da ein Geländewagen. Ute wagt bei unserem Kontrollgang auch mal, die Klinke einer der Holztüren zu betätigen - und siehe da, die Tür öffnet sich. Wohlige Wärme und fragende Blicke kommen ihr dabei aus dem Inneren entgegen. Damit hatten wir zwei nun wirklich nicht gerechnet.

P1070049 FotorAV2rifmiserinabendsRifugio Miserin (li.) und Wallfahrtskirche Santuario delle Nevi (re.)

"Wie geht es euch?", werden wir gefragt, als wir pudelnaß die Hütte betreten. "Wir sind ein wenig naß geworden und würden gern etwas essen und eine Nacht bleiben.", so Utes Antwort. "Habt ihr reserviert?", die Gegenfrage. "Nein." und betretene Blicke unsererseits. "Dann tut es mir leid." und verschmitztes Lächeln auf der Gegenseite. Na wenigstens hat das geklappt. Jetzt schnell raus aus dem nassen Zwirn und versuchen diesen zwischen den schon über dem Kamin hängenden Klamotten der anderen Hüttengäste zu plazieren. Das Abendessen ist (wie gewohnt) dreiteilig und vollkommend ausreichend. Wie die Italiener solche Portionen am Abend dann noch mit ihrem unverzichtbaren Kaffee runterspülen können, ist uns schleierhaft.

FEFK3257miserin abendessenAbendessen am Kamin

Die Nacht ist kalt und stürmisch. Geweckt werden wir ziemlich zeitig durch ein permanentes Tropfgeräusch - das Doppelstockbett neben Ute hat dabei schon die größte Menge des durchs Dach eindringenden Regenwassers aufgenommen. Nun tropft der Rest eben kontinuierlich daneben.

PTIH7926 Kopie Fotor CollageMISERINschneeHüttenhund Burk   /   Wetterbericht 

28.08.2023 - wetterbedingter Ruhetag

Es ist Winter - zumindest vor der Hütte stürmt und schneit es waagerecht. Bei diesem Wetter schickt man keinen Hund vor die Tür. Hüttenhund Burk ereilt dieses Schicksal auch nicht, aber die anwesende Wandertruppe aus dem mittleren Osten macht sich mit ihrem Bergführer startklar. Eingepackt wie eine Antarktis-Expedition (sogar die Hände werden mit Folien und Panzertape abgedichtet) machen sie sich talwärts. Sie müssen los, was wir nicht müssen! Laut Bergführer ist deren Rückflug gebucht und da gibt es keine zweite Meinung. Was sind wir froh, gleich am Morgen unser Quartier, um eine Übernachtung verlängert zu haben. Klar, könnten wir uns auch auf die Socken machen und in der nächsten Hütte (Rifugio Dondena) oder dem nächsten Ort (Chardonnay) wieder einchecken. Dann ginge das Theater wieder von vorn los: nach freien Schlafplätzen fragen, glitschnasse Sachen trocknen, wieder auf Betriebstemperatur kommen und hoffen, daß es am nächsten Tag besseres Wetter vor der Tür gibt. So bleibt uns nur letzteres und da macht der Wetterbericht wenigstens etwas Hoffnung.

P1070064 FotorAV2miserin schneeWintereinbruch am Lago Miserin

Als die einzigen zwei Hüttengäste vertreiben wir uns den Tag am Kamin. Sämtliche, ausliegende Hüttenliteratur wird von uns durchforstet und Ute erbarmt sich dann auch, diese nach Themen geordnet in die Ablagen wieder einzusortieren. So vergeht der Tag schneller als gedacht. Für die Nacht wird uns dann sogar ein Umzug in den frei gewordenen Schlafraum (eine Etage tiefer) angeboten, weil es dort wärmer wäre und eben auch nicht reinregnet. Doch wir bleiben lieber unter'm Dach in unseren angestammten Betten, wo uns des nachts Hüttenhund Burk einen überraschenden Besuch abstattet. Vielleicht ist es einer seiner Routine- oder Kontrollgänge durchs Haus? Die Tür zu unserem Schlafquartier hat er immerhin selbst geöffnet. Wir schicken ihn trotz seiner gutmütigen Art wieder nach unten. Die verbleibende Nacht ist ruhig, nur ein kalter Wind zieht durchs offene Fenster aber durchs Dach bleibt es trocken.

P1070062 Miserin Schnee Blick FenetreBlick von der Miserin-Hütte zum Fenêtre de Champorcher

29.08.2023 - Alta Via No. 2, Rifugio Miserin - Retempio (33,3 km /1.680 Hm+ / 2.808 Hm-)

Es liegt eine Schicht Neuschnee vor der Tür, die leicht verharscht ist. Beim Blick ins Tal erkennt man an den Bergen, die das Hochtal einkesseln, gut die Schneefallgrenze, die etwas tiefer, auf rund 2.400 Metern Seehöhe liegt. Der Weg hinab ist einfach, denn es ist eine Art Fahrweg. (Wie sonst hätte das Kfz auch zur Hütte kommen können?) Die Uhr zeigt 8:15 Uhr, als wir unsere zweitägige Herberge gen Tal verlassen.

P1070074 FotorAV2unterh dondenaTrophäen an einer Alm von Dondenaz 

Am Rifugio Dondena (2.192 m) machen wir nach einer dreiviertel Stunde Fußmarsch halt. Wir wollen uns nur schnell ein Getränk gönnen und den Hüttenstempel für die Aufzeichnungen sichern. Doch nichts passiert im Inneren der Hütte, jeder hat dort mit sich selbst zu tun und wir zwei wartenden Gäste werden einfach nicht registriert. Na gut, nicht so schlimm, dann eben ohne VP weiter und der Stempel von Miserin und Dondena scheint der gleiche zu sein. Unterhalb der Hütte befinden sich weitere Gebäude in der Siedlung Dondenaz (2.100 m), bis zu deren Parkplatz man mit dem Kfz fahren kann. Der Alta Via führt jedoch über Wiesen zu den Bebauungen Champlong (1.955 m) und Créton (1.902 m), ehe er in endlosen Windungen schnell an Höhe verliert.

P1070083 FotorAV2wegnachchardonneyDer steinige Weg nach Chardonney

Was habe ich damals beim TOR über diesen Streckenabschnitt geflucht. Es war Nacht und ich lief aufgrund mehrerer Blasen an den Füßen schon so wie auf Eiern und dann dieser Weg: teils hochkant gesetzte Steine aber auch der restliche, mit grobem Gestein gepflasterte Abschnitt maltretierte meine Füße bis zum Erbrechen. Selbst die verstrichene Zeit heilte diese Wunden nicht und für immer blieb dieser Teil des TOR in ganz schlechter Erinnerung. Nun wandere ich diesen Sektor bei Tageslicht ab und erkenne die hohe Kunst derer, die diese bautechnische Bravourleistung vollbracht haben. Es sind ja nicht nur die verlegten Steine, es sind auch die aufgesetzten Stützmauern und die Realisierung des gesamten Projektes im Gelände, was diesem besonderen Wegabschnitt die Krone aufsetzt.

P1070092 le Port Lè Port

In Chardonney (1.444 m) holen wir uns in einem kleinen Lebensmittelladen noch etwas notwendigen Ballast für den Rucksack und ein paar Sachen zum Sofortverzehr. Ein paar Meter talwärts steht auch das Zelt, in dem beim TOR die Verpflegung war/und demnächst sein wird. Es geht immer weiter am Fluß entlang und bevor wir Richtung Outre-Lève abbiegen, verläßt die TOR-Strecke über Champorcher den Alta Via 2 und steuert hier schon die dritte Base Vita in Donnas auf verhältnismäßig direktem Weg an. Wir müssen allerdings noch zwei langgezogene Schlaufen über zwei Pässe wandern, um nach Donnas zu gelangen. Am Eingang zum Weiler Outre-Lève (1.200 m) biegen wir in den Wald, es geht bergauf und ein Hinweisschild (Pianta Monumentale / Arbre Monumental) kündigt ein Naturdenkmal an. An der Weide Lè Porte (1.344 m) steht hinter einem Felsblock eine über 250-jährige Esche und oberhalb Lou lèizats di llatsì stehen weitere monumentale (wenn auch nicht beschilderte) Lärchen.

STEB1560 Fotorweg zum fricollaTorrent du Bois

Auch hier können wir dem massiven Überangebot von Heidelbeeren nicht widerstehen und holen uns blaue Zungen und Hände. Dazu lädt das kristallklare Wasser des Torrent du Bois zum Baden ein, doch dafür müßten wir in den felsigen Fluß hinabsteigen, was uns zu langwierig erscheint. Vielleicht an einer anderen, einer geeigneteren Stelle? Doch allzu viel Zeit können wir nicht dafür vertrödeln, da wir eine verhältnismäßig lange Etappe (zweieinhalb Etappen laut Führer) abzuwandern haben. Für eine Rast an den Ruinen der Alm Maison Vieilles (1.832 m) reicht es trotzdem. Danach windet sich der Pfad nur mühsam nach oben. Mehrere Geländestufen verwehren den Blick auf unser Zwischenziel. Doch dieses ist erst ganz am Ende unseres Aufstiegs, der die letzten hundert Höhenmeter im spitzkantigen Blockgelände verläuft, sichtbar - der Steinhaufen des Colle della Fricolla (2.540 m).

P1070122 FotorAV2cofricollaUnterhalb des Colle della Fricolla

Der Abstieg zum Vallone di Brenve ist umso einfacher. Eine langgezogene Diagonale am Hang des Mont de la Fricolla bringt uns sachte hinab, wechselt später in Blockgelände, welches aber keine zu große Schwierigkeit darstellt.

P1070127 FotorAV2block nach fricollaBlockgelände

Wir passieren auf einem Plateau mehrere Almen (oder deren Überreste) und gelangen zu der scheinbar hundert Meter hohen Steilwand des Mont de Plodze, die wir an dessen Fuß passieren. Dabei nieselt es angenehm, denn das von ganz oben abfließende Wasser bildet aufgrund der Fallhöhe einen schönen Wassernebel. 

Collage FotorAV2wandvorcrestWeg unterhalb der Steilwand des Mont de Plodze

Wir gelangen zu einem Wegweiser, der einen Stichweg mit der "2" nach Crest Damon (1.170 m) anzeigt. Laut unsrerem Höhenweg-Führer ein sicherer Schlafplatz, denn dort steht geschrieben: "um das Wohngebiet von Crest Damon zu erreichen, in dem man übernachten kann." Na fein, dann wollen wir das mal klarmachen. Wir betreten die Örtlichkeit, doch leider fehlt ein adäquater Ansprechpartner. Ausgestorben! Zumindest für den Moment (18:40 Uhr) ist keinerlei Anzeichen öffentlichen Lebens erkennbar. Es sind ca. 20 Häuser (an einem auch der Verweis "Crest Damon"), die alle irgendwie miteinander (und dem Kirchlein Giorgio e Catarina) verbunden sind oder zumindest kaum Platz zwischen sich lassen. Doch nirgends regt sich etwas und dann ist auch noch das Wasser im Brunnen ungewöhnlich warm - hier ist irgendetwas faul! Wir müssen notgedrungen wieder umkehren. Umkehren zu dem Wegweiser, der jedoch nur den weiteren Weg auf der "2" anzeigt, obwohl noch ein unbetitelter Weg davon abgeht. Wir entscheiden uns für eine Fortsetzung der Quartiersuche auf dem Alta Via, wohlwissend, daß da nichts kommen wird.

P1070146 FotorAV2crestdamonCrest Damon

Nach einem Flachstück biegt der Weg in eine steile Felstreppe. Wir steigen nun in Kehren durch den Wald und gelangen so in die Drei-Häuser-eine-Kirche-Siedlung Retempio (1.460 m). Dort empfängt uns aber nur ein aufgeregt bellender Hund. Er sieht mit seinem Stachelhalsband gefährlicher aus, als er letztlich ist.

P1070149 FotorAV2retempiohundDer Wachhund von Retempio

Aber auch hier scheint es kein menschliches Leben zu geben - das als Dortoir (Schlafsaal) gekennzeichnete Haus scheint nicht seiner Bestimmung zu dienen (der Hund bewacht es jedenfalls sehr streng!). Auch die Kirche ist verschlossen - sie gilt aber weithin als Institution und ist damit dem Wohl und Nutzen der Allgemeinheit verpflichtet. Es ist also statthaft, in unserer Notsituation, unseren Schlafplatz auf dem Gelände der Kirche einzurichten. Es wird langsam dunkel und wir verkriechen uns in unsere Schlafsäcke. An den Häusern sind dann zwar später noch irgendwelche undefinierbaren Geräusche zu vernehmen, doch wir sind viel zu faul, um der Sache nachzugehen. Insgeheim hoffen wir nur: hoffentlich stattet uns der Hund keinen nächtlichen Besuch ab.

P1070151 FotorAV2retempio schlafplUnser Schlafplatz neben der Kirche von Retempio

30.08.2023 - Alta Via No. 2, Retempio - Donnas, Bourg (14,4 km / 760 Hm+ / 1.890 Hm-)

Die Nacht war mild und nahezu windstill und trotzdem haben wir (ständig frierend) kaum geschlafen. Endlich, kurz nach halb sechs können wir aufstehen. Der Tag kommt so langsam in die Spur und wir versuchen es ebenfalls. Wir packen hurtig unseren Krempel zusammen und verlassen fluchtartig unseren Schlafplatz. Vielleicht ist der Wachhund noch nicht so weit und wir können unbemerkt Retempio verlassen? Nach nur 260 Meter (laut komoot-Aufzeichnung) sind wir außer Sichtweite und packen unsere Rucksäcke erstmal richtig ein. Nebenbei bemerken wir dann auch die neu entstandene Situation beim Betrachten der morgendlichen Bergsilhouetten: mit Matterhorn und Monte-Rosa-Stock ergänzen zwei Hochkaräter den Horizont.

Collage FotorAV2matterh moterosa Matterhorn (linkes Bild) und Monte Rosa (rechtes Bild)

Wir sind nun wie die Kinder. Jede sich bietende Möglichkeit nutzen wir, die Viertausender im Bild zu verewigen, als würde sie uns jemand wegnehmen wollen (und wenn es nur die Wolken wären, die sie verschwinden lassen würden). Über die Alm von Valsomma (1.765 m) steigen wir (nebenbei zur ausufernden Landschaftsfotographie) im Talkessel weiter auf. Es ist 8:40 Uhr, als wir den Col Pousseuil (2.120 m), erreichen.

P1070167 FotorAV2poussouilCol Pousseuil

Bis 9:30 Uhr verweilen wir zum Frühstück (aus dem Rucksack) auf dem Paß. Der Abstieg ins Vallone della Mouilla ist unwegsam. Weil hier höchstwahrscheinlich kaum jemand langläuft, ist alles total zugewuchert. Der heutige Tag ist der beste Beweis dafür - auf unserem Weg begegnen wir erst kurz vor Donnas (330 m) zwei entgegenkommenden Tagestouristen. Sonst herrscht absolute Einsamkeit, auch an die Almen Mouilla (1.970 m), Giassit de Mouilla (1.710 m), Magnissola (1.284 m) und Pian Mery-damon (880 m) sind nicht bewohnt.

P1070173 Alm unterh PousseOberhalb der Mouilla

Bis Donnes (860 m) wechselt die Vegetation vom bisher typischen Nadelwald mit geringem Anteil von Weichlaubhölzern, in Wälder, in denen vorwiegend Maronen stehen. Einige mächtige Exemplare sind bei dieser Fülle natürlich auch dabei - so z.B. eine Eßkastanie am Ortseingang von Donnes und ein Solitär auf einer Wiese in dem Ort. 

DAPA8889 Kopie Fotor CollagemontmeillandAbstieg nach Donnas, dem Endpunkt unseres ersten Höhenweges

Dann hat uns die Talsohle wieder. Wir queren die Ortschaften Montey (342 m) und Clapey (335 m), nehmen die Brücke über den Dora Baltea und müssen nur noch dem vorbeidonnernden Zug passieren lassen. Nach Querung der Via Roma (dem Ende des Alta Via Numero Due) gelangen wir nach Donnas (330 m), dem tiefsten Punkt beider Höhenwege.

Donnas 001

Wir haben 13:40 Uhr den ersten Teil der beiden Höhenwege hinter uns gebracht - in 8 statt 14 Etappen, mit einem (wetterbedingten) Ruhetag. Insgesamt zeichnete der Tachometer 193,8 Kilometer mit 12.220 Metern im Anstieg und 13.115 Metern im Abstieg dafür auf. Zur Feier des Tages gehen wir natürlich zum Italiener ;) - eine Pizzeria, die ihr Handwerk versteht. Bis zum Abend bummeln wir noch ein bißchen durch die Altstadt, wo wir u.a. noch ein paar Naturdenkmale fotographieren und Proviant für den folgenden Alta Via No. 1 besorgen. 

31.08.2023 - Alta Via No. 1, Donnas, Bourg - Rifugio Agostino e Delfo Coda (22,3 km / 2.610 Hm+ / 660 Hm-)

Wir starten 6:45 Uhr an der Schnittstelle von "2" und "1" vor unserer Unterkunft. Der Weg führt noch flach ein Stück durch die Stadt, ehe es durch Weinberge höher geht. Die ersten schweißtreibenden Höhenmeter haben wir in Place (820 m) hinter uns. Danach geht es im Auf und Ab über die Kirche Santuario Madonna della Guardia (695 m) nach Perloz (663 m) - immer den Blick auf Pont Saint-Martin im Tal (über das die Strecke beim TOR330 führt). In Perloz gab es beim 2012-er TOR in der Mittagswärme für mich und meine Begleiterin Rotwein, heute müssen wir uns mit dem Einkauf vom Vortag begnügen. Doch das reicht vollkommen aus, denn Wein würde sicherlich nur für schwere Beine sorgen und die brauchen wir heute wirklich nicht.

donnas perloz 2012 8Oberhalb von Perloz - 2012 beim TOR (li.) und 2023 beim Wandern (re.)

Noch einmal geht es nun bergab - zur berühmten Brücke Pont de Moretta (490 m). Sie führt über eine tiefe Schlucht, die der Lys in den Fels gespült hat und und wurde in seiner jetzigen Form im Jahre 1721 von Jean-Baptiste Gaydoz aus Perloz und Pietro Ferro aus Alagna gebaut. Für die markanten Abdrücke im Fels liefert Jean Jacques Christillins "Légends et récits recueillis sur les bords du Lys" die wohl passendste Erklärung. Ein schrecklicher Drachen, von dem die Abdrücke stammen (die allerdings auch durch Ausspülungen entstanden sein können), trieb dort einst sein Unwesen. Er tötete die Einwohner und deren Vieh, griff Kaufleute an und verbreitete so Angst und Schrecken. Vignal di Perloz sah sich als einziger Einwohner in der Pflicht, diesen Spuk zu beenden. Er spießte einen frischen Laib Brot auf die Spitze seines Schwerts und lockte den Drachen mit dem Duft aus seiner Höhle. Als dieser die kulinarische Opfergabe fressen wollte, rammte der kühne Jüngling sein Schwert in dessen Rachen und tötete ihn. Aber auch er erlag den äußerst giftigen Blutspritzern des Dachens. Die Dorfbewohner mieden trotzdem noch jahrelang die (Ausspülungen der) Drachenhöhlen um die Pont de Moretta.

P1070223 ponte ganz bekanntoPont de Moretta

Ein paar hundert Meter weiter in Tour d'Hérèraz (590 m) steht eine etwas außergewöhnliche Kirche. Die San Giuseppe alla tour d'Hérèraz wurde auf den Grundmauern einer alten Burg errichtet, von der nur noch der Bergfried übrigblieb. Dieses, nach dem Adelsgeschlecht der De Hereris benannte Bauwerk, wurde für seinen heutigen Zweck als Glockenturm mehrfach umgebaut - ist aber einer der ältesten Türme (Tour) des Aostatals. 

P1070231 FotorAV1tourdhererazSan Giuseppe alla tour d'Hérèraz

Wir queren die große Straße, welche bis fast vor die Füße des Monte Rosa führt. Ein Schild weist dabei Gressoney-Saint-Jean mit 23 Kilometern aus. Doch wir wollen diese Abkürzung nicht, da wir uns dem Alta Via verschrieben haben und deshalb locker die doppelte Distanz auf der "1" bis in diese große Walsersiedlung benötigen werden. Es wird zudem schweißtreibend, wenn auch große Abschnitte des Bergaufs im Wald verlaufen. Die Liste der durchwanderten Weiler ist dabei so lang wie der Anstieg selbst: Barmette, Cá Viglio, Remondin, Ver Follié, Le Mont du Suc, Les Thoux, La Las, Fangeas, Mattet, Costey, Partejoux und Sassa (1.430 m). In letzgenannter Siedlung befindet sich mit Etoille du Berger ein weiterer Verpflegungspunkt des TOR, den wir auch für eine kleine Stärkung aufsuchen. Von 12:30 bis 13:15 Uhr zieht sich diese Rast. Während der TOR nun den direkten Weg zum Carisey nimmt, müssen wir ein paar Meter und Höhenmeter zurück, um auf dem Alta Via unsere Tour fortsetzen zu können.

Collage FotorAV1wegzuretoiledubergerAuf dem steinigen Weg nach Sassa

Noch ein wenig setzt sich der Abwärtstrend fort, ehe es am Torrente Giassit dann auch wieder mal nach oben geht. Im weiteren Anstieg nach der ehemaligen Goldmine bei Poun dou revers (1.435 m) "versperrt" dann eine besonders schön gezeichnete Aspisviper (Vipera aspis) unseren Weg. Sie ist vielleicht 50 cm lang und nach unserem Fototermin mit ihr, ist sie auch schnell im angrenzenden Gras verschwunden. Diese Scheu kann man von den Hüte- bzw. Hüttenhunden der Almen nicht erwarten und so kommt es, daß wir an der oberen Giassit-Alm (1.890 m) lieber einen großen Bogen um Haus und Hund machen, als den vorgeschriebenen Weg am Wachhund zu nehmen.

P1070261 FotorAV1col giassitCol Giassit

Am Col Giassit (2.024 m) steht mal keine der üblichen Steinsäulen, sondern ein Gipfelkreuz. Es wurde 1954 von den Talbewohnern errichtet. Oberhalb des Beckens Conca di Béchéra führt ein Pfad zum Colle della Lace (2.120 m), wo die obligatorische gelbe Tafel, die jeder Paß als Informationsschild trägt, fehlt. Wir befinden uns an der Grenze zum Piemont, dem südöstlichen Zipfel des Aostatales.

P1070266 FotorAV1colle laceColle della Lace

Vom Piemont ziehen mittlerweile dichte Nebelschwaden zum Grat. Wir sind im weiteren Aufstieg zum Monte Roux (2.318 m), welcher mit Unmengen von Seilen und Tritten gesichert ist. Gegen 16:30 Uhr sind wir am Gipfel, der nur eine Minute vom Weg entfernt liegt, angelangt. Die Sicht ist nun auch in die andere Richtung vernebelt und so bleibt es beim Eintrag ins Gipfelbuch und einem Foto am Gipfelkreuz.

WPRD5017 Kopie Fotor CollageZUR CODA 007Aufstieg vom Colle della Lace zum Monte Roux

Auf unserem weiteren Weg um den Mont Bechit verziehen sich die Wolken etwas und der ein oder andere Talblick wird uns gewährt. Vom Col Clarisey (2.124 m), an dem wir wieder auf die TOR-Strecke stoßen, ist es noch eine Viertelstunde bis zum Rifugio Agostino e Dolfo Coda (2.280 m), die wir Punkt 18 Uhr erreichen.

YKNW0708 Kopie Fotor CollageZUR Coda 01Zwischen Monte Roux und Col Clarisey

Sie liegt nur wenig unterhalb des Aussichtsberges Punta Sella, den wir aufgrund des Wolkenvorhangs nicht besuchen und hat in diesem Jahr bis zum 3. September geöffnet. Danach ist sie nur noch für ein paar Tage als Verpflegungspunkt für den TOR bewirtschaftet. Dieser hat an der Hütte ungefähr 165 Kilometer "in den Beinen". Von 2010 bis 2019 endete auch der Berglauf Sordevolo - Rifugio Coda an der Berghütte. Er hatte eine Streckenlänge von 12 Kilometern, bei zu überwindenden 1.650 Höhenmetern. Dabei waren die ersten sieben Kilometer relativ flach, so daß für die Reststrecke von fünf Kilometern immerhin 1.200 vertikale Meter übrig blieben.

UBML7382 Kopie FotorUTEclariseyCol Clarisey

Neben zwei Deutschen, die sich Abschnitte des Weitwanderweges GTA (Grande Traversata delle Alpi) vorgenommen haben, sind wir die einzigen Gäste auf der Hütte. Unser Schlafplatz ist das Vier-Bett-Zimmer "Castore" (benannt nach dem 4.223 Meter hohen Zwillingsbruder des Pollux in den Walliser Alpen). 

P1070289 FotorAV1 coda wegweiserWegweiser am Rifugio Coda

01.09.2023 - Alta Via No. 1, Rifugio Agostino e Delfo Coda - Rifugio della Vecchia / Piemont (21,2 km /1.420 Hm+ / 1.828 Hm-)

Der Morgen beginnt mit einem herrlichen Naturschauspiel - wir sind über den Wolken und nur einige Bergspitzen schaffen es, diese zu durchbrechen. Einer der beiden Hüttenhunde läßt sich diese Aussicht auch nicht entgehen und springt von einer Ecke zur nächsten. In die Hütte findet er dann allein zurück, schließlich beherrscht er das Öffnen der Haustür, was dem Hüttengast per Hinweisschild (um die Hunde nicht ins Haus zu lassen) verboten wird.

P1070298 FotorAV1coda am morgenRifugio Agostino e Dolfo Coda und Monte Mucrone über den Wolken

Auf einem Pfad gelangen wir nach wenigen Minuten zum Colle della Sella (2.280m). Über ihn steigen wir ins Vallone di Goudin hinab. Der steile Abstieg endet in der Nähe des Lago Goudin (2.083 m). Danach schlängelt er sich zu den Almen Serrafredda (1.842 m) und Goillas (1.814 m) durch die Vegetation.

P1070302 FotorAV1colledellasellaColle della Sella und die Spitze des Monte Mucrone

Wir sind ab der Gouilla-Alm auf einem breiten Fahrweg Richtung Tal unterwegs. Das anspruchslose Geläuf lässt die Blicke zwangsläufig in der Gegend wandern. Der Fernblick ist geschärft, nur für die Details haben wir kein Auge und so übersehen wir den unscheinbaren Abzweig der "1" in Höhe Leretta (1.788 m) nach rechts ins Gelände. Erst zwei Italiener stoppen unsere Talfahrt - aber nur zu einem längeren Gespräch. Andrea und seine Tochter Catarina aus Mailand kommen von der Barma und erkundigen sich nach dem Weg zur Coda, da sie keinerlei Unterstützung durch Karte o.ä. bei sich haben. Da können wir natürlich helfen, auch mit groben Kartenausschnitten. Ein Wort gibt das andere, wir quatschen über den TOR, über Doping, über Geländeläufe, den Alta Via - alles ist beredet. Ach ja, zur Coda immer der Markierung mit der "dreieckigen 1" folgen! Kurz darauf merke ich jedoch, daß diese gelben Zeichen auf unserer "Straße" fehlen. Ich ziehe den GPS-Joker und siehe da, wir haben den anfangs erwähnten Abzweig verpasst, der den Alta Via etwa 80 Höhenmeter weiter oben parallel zu unserem Weg verlaufen lässt. Nun gut, am Wegekreuz Croix (1.800 m) führt dann ein Weg auch wieder hoch zum Original - alles also halb so wild, wenn ich da nicht durch meinen geschärften Blick Andrea und Catarina genau auf diesem Weg ausmache. Sie haben den Abzweig von der Straße gefunden, interpretieren unser "immer der '1' nach" falsch und laufen ihn nun in verkehrter Richtung (wieder zurück gen Barma), wie wir ihn hätten nehmen sollen. Jetzt ist Gefahr im Verzug, ich muß die beiden erreichen, bevor diese am nächsten Abzweig davoneilen. Im Laufschritt (und der geht trotz 19 kg Rückenlast ganz gut) nehme ich die 80 Höhenmeter und treffe beide an der nächsten Weggabelung, um sie vom Fauxpas zu unterrichten. Ute kommt etwas später zu diesem zweiten Treffpunkt und kann die Sache (mit ihrem besseren Englisch) komplett aufklären. Lachend verabschieden wir uns danach ein zweites Mal.

QNEL1966 Fotorpanorama vom stauseeLago Vargno

Um 11 Uhr passieren wir nach der Crest Damon (1.911 m) und einem steilen Bergab im Wald die Staumauer des Lago Vargno (1.670 m). Er ist eingebettet in den Talschluß unterhalb der gleichnamigen Alm.

Collage FotorAV1wege zur barmaWegebaukunst auf dem Weg zur Barma

Wir steigen auf der Gegenseite des Sees wieder auf, lassen den Lago Long (1.914 m) rechts liegen und erreichen den Stichweg zum Lago Barma, an dem die neuerbaute Schutzhütte Rifugio della Barma (2.062 m) liegt. Normalerweise würde die Etappe hier enden, doch es ist erst 12:30 Uhr. Der weitere Weg bis Niel ist mit acht Stunden Gehzeit (laut Wegweiser) zu weit, um rechtzeitig dort für die Quartiersuche aufzuschlagen. Zudem gibt es in Niel (laut Führer) nur zwei Restaurants und eine Etappenstation - was sich auch immer hinter diesem Begriff verbergen mag. Beim TOR 2012 war ich in den frühen Morgenstunden dort und kann mich daher auch nur an den Verpflegungspunkt erinnern, welcher auf einer Terrasse war. Wir sind am Ausloten der nächsten Tage. Während Ute für ein Weitergehen plädiert, entweder bis Niel oder dem Abzweig ins Piemont zur Vecchia-Hütte, schlage ich eine Übernachtung in der Barma vor, um tagsdarauf bis zur Rivetti-Hütte im Piemont zu gehen. 

P1070317 FotorAV1rif barmaRifugio della Barma

Doch Ute hat recht. Wir sollten den nebligen Tag nutzen, vielleicht schlägt das Wetter wieder um und wir sitzen dann zwangsweise auf einer Hütte fest. Also trinken wir nur unsere Lemon-Soda aus und sind 13 Uhr wieder auf dem Weg zum Alta Via. Der Pfad schlängelt sich danach am Hang der Punta Gran Gabe entlang, ehe es über Wiesen zur verfallenen Mette Rouss (2.020 m) geht. Dort stochern wir auch (mehr suchend als findend) durch hohen Bewuchs, bis uns der breite Wirtschaftsweg zu den Almen Peres Bianche (2.120 m) und Marmontana (2.130 m) aufnimmt. Die dort anwesenden Hunde sind gewohnt aggressiv und dementsprechend laut, doch wir können uns erfolgreich gegen sie erwehren.

P1070327 Marmontana  Colle Marmontana

Umso ruhiger ist der Aufstieg zum Colle Marmontana (2.358 m), den wir 14:30 Uhr erreichen und nach einer zehnminütigen Eß- und Trinkpause (denn zu sehen gibt es ja nichts) wieder verlassen. Es geht hinab zum Lac Chiaro (2.095 m) auf dem Pian de l'Om und weiter grob dem Bachlauf folgend zur verfallenen Alm Mianda (2.010 m).

P1070339 Crenna dou leui uteCrenna dou Leui

An der Weggabelung verlassen wir den Bergab-Pfad und nehmen Kurs zum nächsten Paß. Der Crenna dou Leui (2.340 m) ist aufgrund seiner bizarren Form eine sehr ungewöhnliche Scharte. Durch den dichten Nebel können wir diese nur selten im Aufstieg bewundern, umso eindrucksvoller erscheint uns der Fels, als wir 16 Uhr direkt vor ihm stehen. Wie ein Wachhund beugt er sich über den schmalen Durchgang - er klefft nur nicht, wie seine Artgenossen auf der Weide. Ein kleines geöffnetes Wolkenfenster beschert uns zudem noch einen kurzen Blick auf das vor uns liegende Gressoneytal.

DRKD5413 Kopie Fotor CollageCRENNA DOU LEUI 01Crenna dou Leui 

Laut Höhendiagramm in der Beschreibung geht es jetzt nur noch bergab, weil der nächste Paß rund 155 Meter tiefer liegt. So könnte ich das Ute auch verkaufen, um die Stimmung gegen die mittlerweile wieder "gestiegene Luftfeuchte" und die drohenden dunklen Wolken etwas aufzuhellen. Doch wie erkläre ich ihr dann den Anstieg zum Colle della Vecchia? Beim TOR 2012 war ich nachts hier. Es war durch Regen und die permanente Graslatscherei ziemlich feucht in den Schuhen und ein Biwak mit Lagerfeuer kam da gerade recht. Als ich wieder loswollte, erklärte mir ein Helfer den Weg nach Niel und er argumentierte ebenso schlitzohrig (wie die Alta-Via-Beschreibung): es gehe nur noch bergab! Was war ich froh, merkte jedoch bald (und das trotz der Dunkelheit!), daß es ganz schön straff nach oben ging und geschätzte 100 Höhenmeter im Anstieg dabei waren. Heute hängen nur die Wolken tief und Ute könnte mein Schönreden des Streckenprofils wesentlich schneller durchschauen, als mir lieb ist.

P1070350 FotorColVecchia 01Colle della Vecchia

Am Colle della Vecchia (2.185 m) fällt unsere Entscheidung leicht. Bis Niel, wo wir (nach unserer Recherche) keine Übernachtungsmöglichkeit finden werden, sind es noch zweieinhalb Stunden, zur Hütte im Piemont stehen nur 20 Minuten angeschrieben. Ein weiterer Wegweiser gibt die Zeit bis zum Lago di Vecchia mit 30 Minuten, die handschriftlich auf 50 erhöht wurden, an. Bei rund 300 Höhenmetern Abstieg erscheint mir dies auch realistischer zu sein. Wir müssen nun durch den dichten Wolkenvorhang ins Ungewisse. Nach etlichen, auch recht langgezogenen Kehren blicken wir auf den See (1.865 m) und hören Hundegebell. Man sieht zudem Personen durchs Bild huschen - aber alles sehr weit weg. Eine Hütte finden wir am Lago di Vecchia nicht vor. Wir folgen aber den Stimmen im Nebel, die uns letztendlich vor die Hütte Rifugio Lago della Vecchia (1.872 m) führen. Bei der Beschilderung der Wege sind wir einfach von der des Aostatales verwöhnt. Das wird im Piemont nicht ganz so eng gesehen. Bei normalen Sichtverhältnissen ist die Hütte im Gelände gut auszumachen, bei dichtem Nebel wäre ein Hinweisschild für uns von Nutzen gewesen.

P1070358 FotorAV1riflagovecchiaRifugio Lago della Vecchia

Im Inneren der Vecchia wird Deutsch gesprochen, zumindest eine artverwandte Sprache, die im süddeutschen Raum beheimatet ist. Nicht das Personal spricht diese Sprache, nein, die sieben Hüttengäste sind allesamt Mitglieder der Münchner Splittergruppe des Alpenvereins, der Sektion MTV-München e.V des DAV, und auf ihrer diesjährigen Sommertour "Umrundung des Mars im Piemont". Während sie schon gegen ihre Unterhopfung ankämpfen, müssen wir noch unsere Klamotten im Zimmer oder im Abstellraum verteilen. Die Stimmung im gut geheizten Raum ist hervorragend, auch wenn es nur gut zwei Stunden zum Aufladen der Akkus von Telefon oder sonstigem gibt (weil da das Aggregat an ist!) und kurz vor 22 Uhr der Strom ganz versiegt. Das Zähneputzen findet demnach mit Stirnlampe statt.

P1070362 Vecchia

02.09.2023 - Alta Via No. 1, Rifugio della Vecchia / Piemont - Gressoney Saint-Jean, Bieltschocke (22,1 km / 1.340 Hm+ / 1.832 Hm-)

Ab 7:30 Uhr wird das Frühstück aufgetischt und nach dem Bezahlen von Kost und Logie machen wir uns 8:20 Uhr auf den Rückweg ins Aostatal. Dazu nehmen wir den Weg des Vorabends, auch wenn es eine Variante gibt, die etwas kürzer zu sein scheint. Doch da wollen wir uns jetzt nicht noch in der Wegfindung versuchen und gehen zurück zum See. Dort fällt uns ein großer Felsblock auf, in den eine Frau mit einem Bären gemeiselt ist - motivgleich dem Hüttenschild. Die Legende der alten Frau ("La leggenda della Vecchia") wurde da von den zwei besten Steinmetzen von Rosazza im Jahre 1877 in Stein gehauen: Die Hochzeit eines schönen Mädchens aus der Gegend mit einem fremden jungen Mann sollte einst auf einem Felsen unweit des Sees stattfinden. Dort wartete die Braut den gesamten Tag und die darauffolgende Nacht auf ihren Verlobten, der jedoch nicht kam, weil er im Wald ermordet wurde. Der Jüngling wurde auf dem Grund des Sees beerdigt und das Mädchen verlebte den Rest ihres Lebens mit einem treuen Bären (Symboltier von Biella). Sie wurde alt, starb und noch heute wandelt sie, als Geist mit anmutiger Gestalt und weißen langen Haaren, bei Vollmond auf dem See umher.

P1070367 FotorAV1 legende vecchia La leggenda della Vecchia

Wir wandeln derweil wieder hoch zum Paß und 9:20 Uhr hat uns der Alta Via Numero Uno wieder. Es geht hinab, zumindest grob, denn für ein paar Gegenanstiege ist immer Platz. Vom Colle della Vecchia nimmt uns ein aufwendig angelegter Weg am Hang der Punta Chaparelle weiter Richtung Norden. 

P1070381 13minuti lagrubaNoch 13 Minuten bis zum nächsten VP

Nach einer Bachquerung ist dann sogar eine Eisenleiter in den Weg integriert und dann mitten im Lärchenwald taucht es auf, das Schild, welches mich beim TOR mürbe machte. Es gibt wirklich noch dieses Schild, auf dem "Camere, Ristorante, 13 minuti" verkündet wird. Damals war es ganz früh am Morgen und ich hatte wirklich mit allen möglichen Wehwehchen zu kämpfen und dann diese Botschaft - Du bist gleich da! In 13 Minuten erreichen Wanderer den nächsten VP in Niel! Du bist natürlich schneller dort! ... und es zog sich eine Ewigkeit, gefühlt das dreifache der Zeit habe ich daraufhin im Wald zugebracht. Nun kann ich Ute den Beweis liefern. Es ist hell und wir sind ausgeruht - die Zeit läuft und wir wandern. Nach 13 Minuten sieht man zumindest schon mal das ausgeschriebene Ziel auf der anderen Seite des tief ins Tal eingeschnittenen Bachlaufs des Torrente di Niel. Wir gehen noch einen Bogen (um über den Bach zu kommen) und erst nach 23 Minuten stehen wir vor dem Ristorante, welches 2012 den Verpflegungspunkt darstellte. Heute ist alles wesentlich moderner und kaum noch etwas erinnert mich an die damalige Raststätte Niel, La Gruba (1.573 m).

QQID7703 Kopie FotorNiel TORx 001Brücke oberhalb von Niel

Von 11:30 bis 12 Uhr halten wir hier, auf der Terrasse des Restaurants, unsere Mittagspause ab. Es gibt zweimal Lemon-Soda, weil die Belegschaft gerade selbst dem Mittagsschmaus frönt und erst ab 12:30 Uhr den Herd für uns anschmeißen könnte. Doch soviel Zeit haben wir nicht und nehmen den nächsten Anstieg, der sich an der Schtovela (1.734 m) gabelt und beide Male zum Colle Lazouney fürt - geradeaus die Kurzstrecke für den TOR und rechts die Alta-Via-Biege über Pitout Lazouney (2.090 m) und ein paar Höhenmeter unterhalb des Colle della Mologna Grande (2.364 m) entlang. Ein zäher Aufstieg, der im Talkessel der Pointe Lazouney zum Übergang ins Lootal führt. 

BIKB2190 Kopie Fotorpass ute 00987Col Lazouney

Der Col Lazouney ist um 14:59 Uhr und 50 Sekunden erklommen - Wettkampfmacke sei Dank! Nach einer Viertelstunde Rast verabschieden wir uns wieder von ihm und schlendern über die große Hochebene. Hier sind hunderte Schafe und Ziegen am Werk, an denen wir vorbei müssen. Das wäre ja alles kein Problem, gäbe es da nicht die Herdenschutzhunde und diese sind mit besonderer Vorsicht zu genießen. Man erkennt sie, aufgrund ihres weißen Fells nicht gleich, da sie irgendwo friedlich zwischen oder neben der Herde rumlümmeln. Dringt man aber in ihr Gebiet ein, wirds interessant. Meist zwei oder drei dieser Hunde bewachen solche Herden und greifen dann auch den Wanderer (der den Wanderweg nutzt und keinem der Nutzviehcher etwas antut) meist im Verbund an - von vorn wird abgelenkt und von hinten zugeschnappt. So erging es einer der bayrischen Sommerausflügler, die wir gestern auf der Hütte trafen. Wir helfen uns da mit Entgegenlaufen und lautem Gebrüll, dem Hund somit zeigen, wer hier das Alphatier ist. Wenn dann auch noch ein Hirte anwesend ist und dieser seine Schützlinge zurückpfeift (was aber auch nicht jeder Schäfer als seine Pflicht ansieht), ziehen sie sich ganz handzahm zurück. So auch in diesem Fall, als uns zwei dieser Pyrenäenberghunde angreifen.

P1070406 Lazouney Suchbild HundSuchbild: Finde die Herdenschutzhunde!

In der Siedlung Ober Lòo (2.081 m) scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Das ganz einfache Leben ist hier der Lifestyle der Bewohner. Mit einem Einheimischen, dessen Haut die Sonne schon ledern gegarbt hat, unterhalten wir uns kurz über unser Vorhaben, die Höhenwege 1 und 2 abzuwandern. Er kennt sich aus und trotzdem hat man den Eindruck, daß er noch nie dieses Tal verlassen hat.

P1070411 OBERLOOoberhalbOber Lòo

Im weiten Talkessel, der von Tällespétz linkerhand und Corno del Pallone sowie dem Corno Rosso/Ròthòre rechterhand gerahmt wird, nehmen wir mit dem Lòobach den Ausgang ins Gressoney-Tal bei Lòomattò (1.342 m). Dabei nutzen wir anfangs einen beidseitig von Steinmauern eingegrenzten Wiesenweg, passieren die Häuser von Bodma (1.900 m) und Onder Loo (1.881 m), nehmen noch eine kleine Steigung im Wald, ehe es steil hinab geht.

P1070414 ONDERLOO steinwegBodma

In Steina (1.310 m), dem unteren Ortsteil von Lòomattò, nehmen wir auf der Terrasse des Wirtshauses platz. Es gibt das sogenannte Feierabendbier und Wurst-Panini, dazu unsere Frage, ob man hier auch übernachten kann. Das wäre zwar nicht möglich, meint die Wirtin, sie würde sich aber darum kümmern. Kurze Zeit später haben wir unseren Schlafplatz sicher - es ist das Affittacamere il Vecchio Stadel in Bieltschòcke (1.380 m), nur ein paar hundert Meter die Straße hinauf entfernt. Am Eingang der Unterkunft fällt Ute sofort ein Holzschild auf und sie weist den Hotelier darauf hin, daß ich schon einmal, und zwar 2012, dieses Haus fotographiert hätte. Ich bin jedoch total überfordert. Wieso sollte ich gerade dieses Haus damals abgelichtet haben? Als ich zur Lösung des Rätsels nochmal vor die Tür trete und den Schriftzug über der Eingangstür entdecke, löst sich der Knoten. "Gott schütze dieses haus von sturm und wind und von den gästen die langweilig sind" ist da in gotischen Lettern in das Schwartenholz eingekerbt - und richtig, ich habe diese Tafel damals fotographiert, nur nicht an diesem Haus. Da wir uns etwas unterhalb der damaligen Base Vita befinden, weiß ich noch genau, dieses Foto erst nach dem mehrstündigen Aufenthalt in der Turnhalle geschossen zu haben. Der TOR führte von dort die Straße weiter talaufwärts und da muß dieses Foto wohl in Tschemenoal entstanden sein.

P1070417 ONDER LOO LoobachOnder Lòo und der Lòobach

Daraufhin erzählt uns der Hausherr, daß er dieses Schild von seinem Großvater geerbt hat, er leider aber kein "titsch" spricht. Nun ist der Spruch eher hochdeutsch als titsch - man erkennt aber an diesem Beispiel das langsame Aussterben dieser jahrhundertealten Sprachkultur der Walser in dieser Gegend. Gressoney-Saint-Jean gilt neben Gressoney-la-Trinité und Issime als mittelhochdeutsche Sprachinsel im Lystal. Man spricht hier eine der ältesten deutschen Mundarten, eine Variante des Alemannischen. Während sich das "töitschu" ("wir schwétzen töitschu") der Walsergemeinde Issime/Eischeme, aufgrund der geographischen Trennung durch das frankoprovenzialische Gaby/Goabi, am romanischen Wortschatz bedient, ist das "Greschoneititsch" ("wier tien titsch rèdo") von Gressoney/Greschòney mehr der deutschen Muttersprache zugewandt. Beide Walserdialekte sind aber extrem unterschiedlich und somit (für den jeweils anderen Walser) unverständlich, daß man bei einer Unterhaltung untereinander auf die italienische Sprache zurückgreift.

                               Aufnahme vom 12.09.2012

Am Abend schlendern wir noch die Straße Richtung Gressoney-Saint-Jean hoch, weil der Magen brummt. Eine handvoll Restaurants oder Bars säumen dabei den Straßenrand, doch alles nicht unsere Preis- und Dresscodekategorie. Sparbuch und Popeline-Anzug mußten aufgrund des limitierten Platzangebots im Wanderrucksack daheim bleiben, daher können wir in unserer legeren Aufmachung auch nur eine Absteige "in zweiter Reihe" wählen und diese fällt auf ein Wirtshaus a la Gartenkneipe. Im Inneren sieht es da aber schon etwas nobler aus und die im Minutentakt erscheinenden Gäste hatten sich scheinbar den nötigen Platz im Rucksack für die Abendgarderobe freigehalten. Vielleicht ist es auch das "Käfer" vom Gressoneytal? Keine Ahnung, was das für ein Szenetreff ist. Auch über den Geschmack des angebotenen Essens fällt mir eine Sternevergabe schwer. Muß das nun so schmecken oder sind unsere Gaumen nur bessere Kost gewohnt? Egal, aufgegessen, bezahlt und die nächsten Kneipengänger können aus dem Warteschleifenmodus von vorm Gebäude ins Innere wechseln.

gressoney schild 2023 001 Aufnahme vom 02.09.2023

03.09.2023 - Alta Via No. 1, Gressoney Saint-Jean, Bieltschocke - Rifugio L'Aroula, Cuneaz (17,3 km /1.470 Hm+ / 793 Hm-)

Heut machen wir uns erst 8:30 Uhr auf die Socken. An der Talstation der Weissmatten-Seilbahn klinken wir uns wieder auf dem Höhenweg ein. Unser nächstes Ziel ist das zwischen 1899 und 1904 als Sommerresidenz für Königin Margarethe gebaute Castel Savoia (1.437 m). Wir machen dort einen kleinen Rundgang durch botanischen Garten, der sich nach Kontinenten gliedert. Der königliche Wanderweg Passeggiata della Regina bringt uns auf bequemen Weg nach Gressoney-Saint-Jean / Greschòney zer Chilchu (1.405 m). Der Besuch eines Lebensmittelgeschäfts steht nun ganz oben auf der Liste, da sich die leergefressenen Rucksäcke und unsere Bäuche schon fast nach innen wölben. Eine Stunde bringen wir mit Einkauf-Frühstück-Einkauf-Frühstück zu, ehe wir 10:30 Uhr wohlgenährt den Ort Richtung Talschluß verlassen.

LZRG2575 Kopie FotorCASTELL GR S JCastel Savoia

Doch so weit müssen wir nicht. In Tschemenoal (1.417 m) biegt der Weg wieder ins Gelände ab. Der dort angebrachte Wegweiser ist, wie viele andere auch, auf einer Seite korrigiert und so hat man einen schönen Vergleich zwischen früheren und jetzigen Gehzeiten. Beispiel: Rifugio Vieux Crest 4h 45min (alt, auf der Rückseite) und 5h 50min (neu, vorn). Unser nächste Ziel, Alpenzu, ist auf beiden Seiten erneuert und daher gleichlautend mit 1:10 Stunden angegeben. Etwas schneller sind wir dann doch, obwohl wir uns unterwegs noch mit dem Fotographieren uralter Lärchen (500 Jahre) beschäftigen, so wie beim TOR 2012 - doch damals war ich ja nebenbei im Wettkampfmodus und hatte nicht so viel Zeit wie heute. 

P1070460 Alpenzu 123Alpenzu Grande

Von 12 bis 12:30 Uhr halten wir am Rifugio Alpenzu im Weiler Alpenzu Grande (1.770 m) Siesta. Auch dort steht ein besonderer Baum - ein über 300 Jahre alter zweistämmiger Bergahorn. Auch wenn dieser 2012 schon fotographisch archiviert wurde, gibt es eine erneute Erfassung in Bildform.

P1070472 Wallis Monte LyskammBlick zu den Walliser Viertausendern

Nun folgen rund eintausend Höhenmeter Aufstieg: über Ondermonté (2.001 m), Loasche Inferiore (2.355 m) und Loasche Superiore (2.466 m) kämpfen wir uns in der Nachmittagssonne zum Sattel, der Vallone di Pinter und Vallone di Cunéaz verbindet. Eine ständige Begleiterscheinung dabei: der zwanghafte Blick zur imposanten Kulisse von Monte Rosa und Lyskamm. Auch vom Col Pinter/Pentecoll (2.777 m), dem zwischen Corno Vitello und Monte Pinter/Péntespétz gelegenen Paß, gibt es genug Fels oder Fels mit Eis zu bewundern: u.a. Matterhorn oder Mont Blanc.

P1070486 ColPinterCol Pinter

Man kann nun im Abstieg die vier Seen Lago del Pinter inferiore, medio und superiore sowie Lago Perrin über einen Umweg mit einbauen, doch wir bleiben strikt auf dem Alta Via - auch aus Zeitgründen, schließlich sind wir nicht die einzigen, die in diese Richtung absteigen. Zwar handelt es sich größtenteils um Tagestouristen, die uns mit Sicherheit kein Bett im Tal streitig machen werden - man sollte sich nur eben nicht (bei begrenztem Übernachtungsangebot) zu spät darum kümmern. Doch all diese Bedenken sind umsonst.

P1070485 col pinterBlick vom Col Pinter ins Val d'Ayas

Trotz eines Denkfehlers meinerseits (denn ich verwechsle Häuser von Cunéaz mit denen von Crest und ordne daher die Großbaustelle zu Beginn des Weilers dem deshalb geschlossenen Rifugio Vieux Crest zu) ergattert Ute eine Bleibe für die Nacht, die nicht auf unserem Plan stand. Es ist das Rifugio L'Aroula, welches sich 2012 noch im Bau oder zumindest im Endstadium des Umbaus befand. Eine freundliche Einladung "auf ein Getränk" lehnte ich damals ab, weil eben der (kurz darauf folgende) Verpflegungs- und Kontrollpunkt Crest auf mich wartete. Heute bin ich da natürlich völlig entspannter und zum bestellten Bier gibt es gleich noch eine Wurst-Käse-Platte dazu.

                               Rifugio L'Aroula 2012

Wir genießen die Sonne und beziehen kurz darauf unser Luxus-Quartier, das im typischen Bergstil mit viel alter Bausubstanz (Holz, Holzbalken) der ehemaligen Walserbehausung und allerhand Komfort der Neuzeit hergerichtet wurde. Das Abendessen gibt es À-la-carte. Auch hier wird keine Mahlzeit "von der Stange" serviert, sondern deftige Kost kreativ auf dem Teller plaziert.

P1070493 L Aroula 2023Rifugio L'Aroula 2023

04.09.2023 - Alta Via No. 1, Rifugio L'Aroula, Cunéaz - Cheneil (19,5 km / 1.380 Hm+ / 1.332 Hm-)

Mit einem üppigen Frühstück (allerdings erst 8:30 Uhr) beginnt der Tag. Eine Stunde später machen wir uns auf den Weg, der uns weiter talwärts führt. Wir statten der Vieux Crest (1.935 m) noch einen Kurzbesuch ab, ehe wir weiter auf einem, im Profil leicht welligen, breiten Fahrweg zu den Siedlungen Sousun (1.958 m) und Charcherioz (2.001 m) gelangen. Letztgenannter Ort ist eher eine Seilbahn- und Restaurantoase. Dementsprechend voll (immerhin vier Leute, die mit uns die Strecke nun teilen) ist es dank der Seilbahnanbindung. Der nächste Weiler ist die alte Walsersiedlung Résy (2.060 m), wo mit der Giovanni Battista Ferraro und der Guide di Frachey gleich zwei Berghütten auf Kundschaft lauern. Wir entscheiden uns für die Frachey, um unser liebgewonnenes Morgenkännchen Lemon-Soda einzunehmen.

P1070500 Matterhorn Cervino 01Val d'Ayas mit Blick auf das Matterhorn (Cervino)

Noch ein Wort zu den Wanderwegen, denn da sind neben der üblichen Markierung und der "1" noch weitere "Verschlüsselungen" zu registrieren: GSW (Grande Sentiero Walser - der große Walserweg mit 850 km Länge), TD6 (Tour des Six - Rundwanderung zu sechs Berghütten) oder TMR (Tour Monte Rosa - Rundwanderweg um Monte Rosa und Mischabelgruppe).

P1070512 blick zur Resy Blick zurück nach Résy

Im Talort Saint-Jacques-des-Allemands (1.689 m) gibt es keinen Laden, zumindest entdecken wir keinen. Daher nehmen wir gleich wieder die andere Talseite bergauf. Zuvor zeige ich Ute noch das Gebäude, welches beim TOR Kontrollstation war und ich ("im Tunnel laufend") verfehlte. Erst auf der Wiese oberhalb der nächsten Häusergruppe bemerkte ich dies und mußte zurück. Ich war dementsprechend angesäuert und rief dem Protokollant nur meine Startnummer zu: "Cinque, cinque, cinque.", weil "Cinquecentociquantacinque" für die 555 zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte (und davon hatte ich durch meinen Fehler ja schon genug verloren). Totaler Blödsinn, diese Denkweise - doch nach so vielen Kilometern nicht ungewöhnlich.

YHQB4031 Fotorblick auf monterosaBlick auf die Viertausender des Wallis von der oberen Nannaz-Alm

Damals nahm ich im Dunklen diesen Weg zur Tournalin und irgendwie kannte ich das alles schon, obwohl ich noch nie zuvor dort gewesen bin. Es war unheimlich, was mir mein Hirn vorausgesagt hat. Der Weg, die Almen, das Hundegebell und die Schafe - alles schon mal dagewesen, bekannt wie die berühmte Westentasche. Was in der damaligen Nacht Halluzinationen waren, könnte ich heute in dieser Art verwenden, sprich voraussagen. Ich war schon mal hier, an die Almen kann ich mich auch noch erinnern (die waren damals beleuchtet), Hunde fehlen heute und die Schafe sind durch Kühe ersetzt. Nur der Weg!? War der damals auch schon so lang? Ich weiß nur, daß man die Berghütte erst kurz vor knapp sieht - und so ist es dann auch. Kurz vor 14:30 Uhr stehen wir vorm Rifugio Grand Tournalin (2.535 m). Der Gastraum der Berghütte hat vielleicht nicht mehr das Flair jener Tage, strotz aber nur so vor alten Plakaten des TOR.

P1070546 nannazCol di Nannaz

Ein Nachmittagsgetränk später setzen wir 15 Uhr unsere Reise fort und passieren 40 Minuten später den Col di Nannaz (2.773 m), der den Durchgang zwischen die Dreitausender Bec de Nana und Becca Trecare schneidet. Mit Ute fror ich 2012 hier oben wie ein Schoßhündchen, es pfiff ein eiskalter Wind - heute ist es windstill und sonnig, dazu noch ein (vorerst) letzter Blick zurück auf die 4.000-er: Breithorn-Hauptgipfel, Breithorn-Ostgipfel, Gendarm, Roccia Nera, Pollux, Castor, Lyskamm-Westgipfel, Lyskamm-Ostgipfel, sowie das Monte-Rosa-Massiv mit Zumstein, Dufourspitze, Signalkuppe, Parrotspitze und Vincent-Pyramide. 

P1070553 Fontaines 0156Col des Fontaines

Durch eine Senke am Bergrücken der Becca Trecare gelangen wir nach nicht ganz einer halben Stunde zum Col des Fontaines / Colle dei Croux (2.695 m). Von da nimmt der Pfad sachte beginnend die Höhenmeter von der Uhr, wird aber vor den verlassenen Rundbogenhütten der Champ-Sec (2.328 m) steiler und verschwindet kurz darauf im Lärchenwald. 

P1070565 champ sec almChamp-Sec

Für die Bergsiedlung Cheneil (2.105 m), frankoprovenzialisch Tseèl genannt, hält unser Höhenweg-Ratgeber eine Unterkunft bereit. Wir sind skeptisch! "Hotel Panorama" nennt sich die angekündigte Herberge und soll sich auf diesem kleinen Hochplateau befinden? Ein Panorama gibt es auf alle Fälle schon mal - und zwar den herrlichen Blick auf das Matterhorn. Wir befinden uns zudem auf dem, das Valtournenche umrundenden Wanderweg mit der "107" im gelben Viereck, dem 71 Kilometer langen "Grande Balconata del Cervino". Heute sind es zwar nur rund hundert Meter, sie bringen uns aber direkt vor das Hotel. Es ist ein stattliches Bauwerk aus grobem Gestein und beherbergt seit 1926 Wanderer oder Skifahrer. 

MOAO2369 Kopie Fotor CollageTSEEL CHENEIL panoramahotel"Albergo Panorama" in Cheneil

Im Inneren der "Albergo Panorama" scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, zumindest so seit den Fünfziger- oder Sechsziger Jahren. Holz bestimmt die Innenarchitektur und die Dielen knarren schön laut beim Betreten. Es ist alles recht spartanisch ausgestattet, was sich auch im unschlagbaren Übernachtungspreis niederschlägt. Unsere Kammer liegt im dritten Stock, direkt unterm Dach - mit Balkon (der vorsichtshalber von mir nicht betreten wird) und einem Dachfensterausblick auf das Matterhorn. La Grande Balconata del Cervino (oder Le Grand Balcon du Cervin, denn hier spricht man noch konsequent französisch) als Nachtquartier! Ein Geschenk am Ende dieser Etappe. Hoffentlich bleibt das Hotel in dieser Form noch lange für die Nachwelt erhalten.

P1070579 Cheneil PanoramahotelMatterhornblick aus dem Dachfenster des Panorama-Hotels

05.09.2023 - Alta Via No. 1, Cheneil - Bivouac Luca Reboulaz (20,4 km / 1.610 Hm+ / 1.130 Hm-)

Der Blick aus dem Dachfenster ist ernüchternd: das Matterhorn wurde weggeräumt, zumindest ist alles grau mit Wolken verhangen. Da es das Frühstück erst ab 8:00 Uhr gibt, müssen wir dieses auf den nächsten Talort verschieben. Gegen 8:15 Uhr (nach einer Stunde auf den Beinen) erreichen wir Valtournenche-Crétaz (1.520 m). Bis kurz nach 9 Uhr verpflegen wir uns hier aus dem Lebensmittelladen. Zusätzlich wird der Rucksack wieder mit Eß- und Trinkbaren aufgerüstet, so daß es uns an nichts fehlt.

P1070599 Valtournenche BarmasseGebäude von Promoron und des Wasserkraftwerkes auf dem Weg von Valtournenche zum Rifugio Barmasse

Durch den Ortskern von Valtournenche ist die Markierung des Weges etwas lückenhaft oder zweideutig. Doch die grobe Richtung ist uns bekannt und stellt daher kein Problem dar, den Ausgang zu finden. Der weitere Weg verläuft größtenteils im Wald und nach rund 1:45 Stunden stehen wir vor der Staumauer des Lago di Cignana (2.157 m), wenig später am Rifugio Barmasse (2.169 m). Eine halbe Stunde Rast an der Hütte gönnen wir uns, ehe wir 11:30 Uhr unsere Tour auf der breiten Schotterpiste fortsetzen. Bis zur Cuney-Hütte sind 6:15 Stunden, bis zum Reboulaz-Biwak 4:30 Stunden an der Hütte vermerkt.

P1070603 Barmasse 9876 Rifugio Barmasse

Leicht bergab führt uns später ein Pfad, der zu den Almen von Cortina, frankoprovenzialisch Kortœa, führt. An der oberen Stallung (2.085 m) werden gerade die Kühe vom "Feld" getrieben und der dazugehörige Wachhund ist mit unserem Erscheinen gar nicht im reinen. Irgendwie nerven die Köter schon, wenn sie permanent der Meinung sind, sie müßten Wanderer von hinten attackieren. Nach dem Passieren der Cortina Inferiore (1.971 m) geht es wieder steil bergan, dabei ist von weiten der Haushund der Ersa Dessus (2.136 m) mit seinem nimmermüden Gebell zu vernehmen. Auch er wird uns friedlich an sich vorbeilassen, um uns dann von hinten anzugreifen.

ersa 2012 2023Fenêtre d'Ersa - 2012 beim TOR (li.) und 2023 beim Wandern (re.)

Über den Fenêtre d'Ersa (2.290 m), wo wir von 13 bis 13:30 Uhr pausieren, führt die Umrundung des Monte Ersa weiter bis zum Talschluß, wo wir an der (in den Fels gehauenen) Häusergruppe Gran Raye (2.350 m) die Ausläufer des Dôme du Tsan Richtung Lago de Tzan (2.440 m) nehmen. Dort wäre ein Biwak zum Nächtigen vorhanden, welches aber "zu weit" von unserem "vorgeschriebenen" Alta-Via-Weg liegt.

P1070638 weg zum fenetre du tsan Weg zum Fenêtre du Tsan

Nach dem gemächlichen Anstieg über eine recht wasserreiche Hochfläche gelangen wir 16 Uhr zum Fenêtre du Tsan (2.734 m), von dem man unser Tagesziel am Lac Luseney schon erblicken kann - das Bivouac Luca Reboulaz (2.585 m). Bis dahin sind es noch 40 Minuten - zuerst recht steil absteigend und nach der Passage der Zuflüsse des Torrent de Saint-Barthélémy wieder an Höhe gewinnend.

ESFJ4278 Kopie FotorTZAN 003Fenêtre du Tsan: Blick zum Bivouac Reboulaz am Lac Luseney (Bildmitte)

Das Biwak Reboulaz gehört mittlerweile nicht mehr zum TOR-Geschehen. Der Kurs biegt nun nach dem Fenêtre du Tsan ins Tal zur Magia-Hütte, um von dort wieder bis zur Cuney führend, auf die gewohnte Strecke geleitet zu werden. 

                               Verpflegungspunkt beim TOR DES GÉANTS 2012 - Bivacco Reboulaz

Die steinerne Biwakhütte ist bei unserem Eintreffen nur von zwei Männern "bewohnt". Man fragt uns, welche Sprache wir sprechen: "English? Francais? Italiano?", "Tedesco!", "Ah, Deutsche! Ich spreche auch ein wenig Deutsch, wir sind Holländer.", sagt darauf einer der beiden. Er spricht jedenfalls nicht nur ein wenig, er spricht sogar recht gut unsere Sprache und so können wir uns ohne große Mühe über unsere bisherigen und geplanten Tourenverläufe austauschen. Ihre "Aufgabe" ist die GTR (Gran Tour des Réfuges), eine Wanderung zu vier Berghütten (Cunéy, Barmasse, L'Ermitage, Tournalin), die auf dem Weg zwischen Lignan und Cheneil liegen. Das Bivouac Reboulaz gehört zwar nicht zu den Hütten, liegt aber auf der Route.

P1070657 bivouac reboulazBivouac Luca Reboulaz

Der vor dem Gebäude befindliche Holzbrunnen (der auch schon 2012 in dieser Form existierte) und dessen defekte Schlauchanbindung bieten den idealen Dusch- und Waschplatz (auch für die verstaubt-verschwitzte Kleidung). Das Biwak ist mit einem Kamin und einer großzügig angelegten Kochnische, zwei Holztischen und -bänken sowie 24 Schlafplätzen (Doppelstockbetten) in einem seperaten Raum ausgestattet.

biwak reboulaz huettenbuch

Luca Reboulaz war ein einheimischer Skilanglauflehrer, der den Bergen sehr verbunden war. Am Vorabend seines 26. Geburtstages verunglückte er tödlich bei der Besteigung der Becca del Luseney, den Berg, den er so sehr liebte. Seine Familienangehörigen und Bekannte errichteten zur bleibenden Erinnerung an ihn diese Steinhütte. Sie wurde am 11. September 1993 eingeweiht und bietet seit dem ein angenehmes Nachtlager für Wanderer und Bergsteiger: GRAZIE MILLE ALLA FAMIGLIA REBOULAZ! Wenn man aber dann den Eingriff an der Küchenwand sieht, wo die Kassette mit den Spendengeldern (für den Erhalt der Hütte) gewaltsam entfernt wurde, weiß man, welch' Schmutz und Gesindel ebenfalls in den Bergen unterwegs ist.

P1070660 reboulaz geldkassetteKein normaler Diebstahl, sondern die Schändung des Andenkens an Luca Reboulaz und die Verachtung der Mühen seiner Angehörigen

Am Abend treffen noch ein paar Italiener an der Hütte ein, die sich nach einer kurzen Pause für einen Weitermarsch bis zum Rifugio Cuney entscheiden. Sie wirkten zwar nicht mehr ganz taufrisch und rund zwei Stunden Fußmarsch stehen ihnen noch bevor - eher eine schlechte Entscheidung, sich nicht hier niederzulassen. Kurz vorm Dunkelwerden (da liegen wir schon in unseren Schlafsäcken) stößt noch eine Belgierin zum Biwak und nimmt Bett Nr. 5 in Anspruch.

GULI8093 Kopie Fotor Sonnenaufgang tzanSonnenaufgang am Biwak: die ersten Strahlen durchbrechen das Gestein durch das Fenster des Tsan (Fenêtre du Tsan)

06.09.2023 - Alta Via No. 1, Bivouac Luca Reboulaz - Oyace, Gallian (21,8 km / 780 Hm+ / 2.005 Hm-)

Die beiden Holländer (sie wollen heute zur Barmasse) sind schon recht zeitig aus ihren Betten gekrochen und bereiten ich nun im Nebenraum ihr umfangreiches Morgenmahl zu. So viel Aufwand betreiben wir natürlich nicht, als wir kurz nach 6 Uhr den Frühstücksraum mit ihnen teilen. Doch die Zeit vergeht schneller als gedacht und so kommen wir erst 7:45 Uhr von der Hütte weg.

P1070681 blick terray Blick vom Col Terray

Vorbei am Lac Luseney führt der Weg zum Col Terray (2.775 m), den wir 8:30 Uhr erreichen. Eine Viertelstunde genießen wir die Sicht, ehe wir unseren Weg fortsetzen. Dieser windet sich an den Hängen von Becca Arbiere und Pointe des Montagnaya im ständigen Auf und Ab zur Cuney-Hütte (2.652 m).

CDCX4533 FotorRIFcuney2023Rifugio Cuney

Kurz nach 10 Uhr stehen wir vor dem Rifugio Cuney, wo gerade die Reinigungsarbeiten stattfinden. Daher hat auch niemand Zeit für uns und unsere Wünsche. Doch wir sind geduldig und fahren der älteren Frau erst gekonnt in die Parade, als sie zum x-ten Male die Tische neben der Hütte desinfizieren will. Je ein Getränk und ein Panini mit Schinken und Käse ist unsere bescheidene Bitte, der auch sofort nachgekommen wird. Zum Glück beherrschen die Italiener das Brotbacken überhaupt nicht (so zumindest unser Urteil während unserer Tour). Es schmeckt nach halbfertiger Backmischung und wenn es dann noch ein, zwei Tage liegt, wird es recht staubig im Mund. Letztgenannter Typ ist nun heute unser (verspätetes) Frühstück. Zum Glück! Eine gefühlte Ewigkeit kauen wir uns die trockenen Backmischungen im Mund zurecht, ehe wir sie hinunterdrücken. Ohne Zuhilfenahme unserer Getränke wäre diese Mahlzeit kaum zu bewerkstelligen. Doch sie macht satt und das ist wichtig.

P1070693 Fotor Cuney e oratorio Rifugio Cuney e Notre-Dame des Neiges

Neben der Schutzhütte befindet sich eine Kapelle namens Notre-Dame des Neiges, welche 1659 eingeweiht und der Madonna delle Nevi, der Jungfrau des Schnees, gewidmet wurde.

P1070701 unterh col chalebyBlick zurück von unterhalb des Col Chaleby

Nach einer Stunde Rast geht es weiter - wiederum recht wellig verläuft der Pfad am Hang der Becca de Fontaney. Ein schon leicht verwitterter Holzwegweiser an einem Bach zeigt in der Gegenrichtung die zwei Möglichkeiten des Höhenweges an: wir kamen daher über den klassischen Weg (I tinerario Classico) "durchs Tal", Variante 2 wäre der ausgesetzte Weg mit Ketten (Sentiero esposto concatene) gewesen, den man weiter oben im Fels ab und zu von unten wahrnehmen konnte.

P1070702 Chaleby UTE Col Chaleby

Auf dem sich anschließenden Wiesenplateau biegen wir nach rechts zum Col Chaleby (2.653 m) ab. Der Steinhaufen am Paß hat leider kein Schild (mehr), wie es im Aostatal üblich ist. Danach geht es sanft hinab zu einem kleinen See auf dem Plan Piscine (2.546 m), um danach etwas steiler wieder an Höhe zu gewinnen. Das von mir angekündigte Biwak (von dem ich noch weiß, daß es linkerhand etwas abseits des Weges liegt) will einfach nicht erscheinen und es dauert ein paar Felsstufen bis es endlich erscheint.

Biwak ClermontBivouac Umberto Rosaire e Marco Clermont

Das Bivouac Umberto Rosaire e Marco Clermont (2.700 m) war/ist Verpflegungspunkt beim TOR (Kilometer 261,3) und deshalb schon einen Besuch wert. Wir pausieren hier und verpflegen uns ganz spartanisch aus dem Rucksack.

P1070712 Vessonaz UTECol de Vessonaz

Noch rund hundert Meter Aufstieg und wir stehen 13:30 Uhr auf dem Col de Vessonaz (2.793 m). Der Abstieg ins Valpelline wird lang und ist zu Beginn ins Vesonnaz-Hochtal recht steil. In Tippelschritten (weil wir zu faul sind, die Stöcke vom Rucksack zu ficheln) kämpfen wir uns auf dem feinen grauen Steinschutt talwärts - ein, zwei Ausrutscher mit Bodenkontakt des Hinterteils inbegriffen.

P1070720 VessonaztalHochtal Vessonaz

Ab der Arp Damon (2.206 m) führt dann ein breiterer Weg nach unten, der aber immer wieder mit Massen angespülten Gesteins unterbrochen ist. Ein im Gelände abgestellter Minibagger zeugt von den derzeit stattfindenden Aufräumarbeiten am Fluß. Im Wald unterhalb der Arp Vieille (1.944 m) überholen wir die fünf Italiener, die am Vorabend nicht im Biwak Reboulaz übernachten und noch bis zur Cuney weiterlaufen wollten. Für ihr junges Alter sind sie recht langsam unterwegs. Kurz darauf erreichen wir die Ponte di Betenda (1.351 m), wo die "1" eine vorübergehende Umleitung (Deviazione provvisoria) nimmt, während der TOR weiter auf dem Original-Höhenweg bleibt. Wir nehmen das Provisorium, welches mit den Pfeilen des La-Tornella-Rundweges (L'anello della Tour d'Oyace) gut markiert ist.

P1070732 tour d oyace La Tornella (rechts unten) 

Bis zur Ponte di Vernosse (1.250 m), die über den Torrent Buthier führt, geht die Umleitung im Wald talwärts. Danach steigt sie durch die Bebauungen von Vernosse und Grenier zur Kirche von Oyace wieder an. Man blickt rechterhand auf den mittelalterlichen Turm Tornella und links ist der Sportplatz mit darunterliegendem "Schlafsaal" (dem damaligen TOR-VP) zu sehen. Dazu ist für 17 Uhr noch allerhand Bautätigkeit im Ort zu verzeichnen - mit schwerem Gerät wird der Bachlauf des Veynes saniert. Im Ortsteil Gallian (1.360 m) stoßen wir dann auch auf eine Art Hotel: Chez Coco - Bar & Cafe, aber auch Schlafmöglichkeiten sind vorhanden.

P1070730 Oyace SportplatzSportplatz in Oyace

Auf einem Zettel an der Tür des Restaurants steht, daß "Coco die Zimmer macht und 17:30 Uhr öffnet". Wir haben also noch eine halbe Stunde Zeit und wissen, daß 17:30 Uhr in Italien nicht zwingend 17:30 Uhr sein muß. Da sind jedoch die später dazukommenden Bauarbeiter, die sich ihr Feierabendgetränk bei Coco (chez Coco) gönnen wollen, anderer Meinung. Sie pfeifen und rufen lautstark, doch selbst diese akustischen Hinweise nimmt innerhalb des Gebäudes niemand zum Anlaß, hier mal in die Gänge zu kommen. Es dauert! Ein Kerl in Juventus-Turin-Hemd öffnet später etwas emotionslos den Laden. Wir lassen die Bauarbeiter vor - ehe sie noch ungemütlich werden, schließlich haben sie Durst. Den haben wir zwar auch, doch vornehmlich gilt die Sicherung eines Schlafplatzes. Ute kümmert sich gewohnt zuverlässig darum und in einer halben Stunde können wir den Zehn-Betten-Schlafsaal auch betreten, denn zuvor muß noch "das Zimmer gemacht werden".

P1070737 OYACE bauOyace

Von den fünf Italienern (die wir vor Oyace überholten), werden drei dieses Quartier mit uns teilen. Zwei sind schon so verbraucht, daß sie ihre Tour nach dem gemütlichen Teil (Getränk + Essen) abbrechen werden und heimfahren. Nur Laura wird am nächsten Tag ihre Tour, wenn auch nur abgespeckt (Talweg mit Busfahrt nach Ollomont) fortsetzen.

07.09.2023 - Alta Via No. 1, Oyace, Gallian - Rifugio Adolfo Letey Champillon (18,6 km / 2.180 Hm+ / 1.075 Hm-)

Die Nacht war kurz, denn im Gastraum, der sich unter dem Schlafsaal befindet, ging es bis weit nach Mitternacht hoch her. Für 7:30 Uhr ist das Frühstück terminiert, welches jedoch erst eine gute dreiviertel Stunde später möglich ist. Der Grund ist nachvollziehbar, denn der Wirt hat ganz einfach verschlafen, weil es am Vortag etwas länger ging. Nun ist erstmal jemand losgefahren, um ihn zu wecken. Zu üppig fällt die morgendliche Verköstigung dann auch nicht aus, aber wir wollen ja wandern und kein Ohne-Ende-Buffet. Um 9 Uhr verlassen wir unsere Herberge.

P1070733 oyace wegweiserWegweiser in Oyace (mit Bestzeitangabe zwischen Col Vessonaz und  Rifugio Cuney)

Mit dreieinhalb Stunden ist der Col Brison am Wegweiser von Oyace veranschlagt. Ob dies stimmt, werden wir sehen. Wenn man die Beschilderung in die Gegenrichtung dafür als Vorlage nimmt, kommen Zweifel auf. Da wird der Vessonaz-Paß mit 4:55 Stunden angegeben, die Cuney-Hütte mit 5:35 Stunden. Es liegen demzufolge nur 40 Minuten zwischen beiden Punkten - unmöglich, denn unsere Wegbeschreibung gibt in dieser Richtung 1:40 Stunden an.

oyace vp tor 2012Verpflegungspunkt des TOR in Oyace (Salle polyvalente Bénévoles de la Pro Loco d'Oyace)

Bevor wir den langen Anstieg zum Brison nehmen, mache ich noch einen kleinen Abstecher zur Mehrzweckanlage mit Fußballplatz - zum Schwelgen in Erinnerungen. Am damaligen Verpflegungspunkt des TOR wollte ich mich für eine Stunde ausruhen und legte mich auf das Parkett der Turnhalle. Diese Chance nutzte mein Körper, der mir zuvor schon mit allerlei Halluzinationen eine längere Pause aufzudrängen versuchte, um mich "abzuschalten". Ich war in einem derart schlechten Zustand, daß aus einer (geplanten) Stunde Schlaf ganze sieben Stunden Schlaf wurden. Der Körper erzwang sich damals seine dringend notwendige Regeneration. Heute geht es mit wesentlich weniger Schlaf (dank der harten Betten und dem nächtlichen Kneipenlärm), denn das Wandern mit genügend Erholungsphasen ist bei weitem nicht so zermürbend, wie es der TOR DES GÉANTS als Non-Stop-Veranstaltung ist/war.

P1070752 aufstieg zum brisonAufstieg zum Col Brison

Der Rund-Tausend-Höhenmeter-Aufstieg wird recht trocken, so hatte es Ute von Laura erfahren. Es gibt kein Wasser an den Hängen der Punta Gorret. Doch da sind die Italiener auch recht vorsichtig und nehmen sich nicht jeder Quelle an. Ein "zertifiziertes" Bergwasser gibt es nun mal nicht und die Einschätzung, ob es genießbar ist oder nicht, muß jeder für sich treffen. Unterhalb einer Kuhweide abfließendes Wasser ist sicherlich für jedermann tabu, warmes Wasser aus abfließenden Tümpeln ebenfalls. Wenn es klar und eiskalt ist, gibt es für uns keine Bedenken. Doch dieser Wassertyp fehlt heute, da auch viele Bachbetten ausgetrocknet sind.

P1070771 Brison uteCol Brison

Dafür säumen wieder einige Unikate von Lärchen den Pfad. Dazu gibt es, mit Sucheaz (1.995 m) und Breson (2.086 m), zwei unbewirtschaftete Almen am Wegesrand. Eine lange Diagonale am Hang und ein paar finale Serpentinen lassen uns 12 Uhr auf dem Col Brison (2.480 m) stehen. Auf der gegenüberliegenden Seite sehen wir dabei unser heutiges Etappenziel, die Champillon-Hütte. Sie liegt in etwa genauso hoch wie der Brison, wir müssen dafür aber rund tausend Höhenmeter absteigen, um diese dann wieder aufzusteigen. 

Steil führt der Pfad anfangs vom Paß hinab und wir vernichten daher auch relativ schnell die ersten Höhenmeter. Ab einem Plateau mäßigt sich das Gefälle und bis zur Alp Berrio Superiore (1.938 m) geht es sachte hinab. Dort verliert sich kurz die Spur der "dreieckigen 1" und wir streifen etwas planlos durch den störrigen Bewuchs der Weide auf den Wirtschaftsweg, der von der Alm talwärts führt, ab.

P1070787 ollomont le morion Straßenabschnitt zwischen Ollomont und Rey

Es ist 14:15 Uhr und wir sind in Ollomont (1.385 m). Ein Einkauf von Proviant im Ort würde sich regelrecht aufzwingen, doch der Lebensmittelhandel von Olga öffnet erst 15 Uhr seine Pforten. Der zum Laden gehörige "Imbiß" hat indes geöffnet, deshalb gönnen wir uns dort zwei kalte Getränke, ehe wir 14:30 Uhr weiterziehen.

P1070789 Rey OllomontWegweiser in Ollomont-Rey: "Courmayeur 19h 30min"

Ein paar hundert Meter die Straße entlang und wir sind im Ortsteil Rey (1.393 m). Dort passieren wir das Gebäude des TOR-Verpflegungspunktes und der Wegweiser hat erstmals unser großes Ziel mit in seiner Auflistung vertreten: "Courmayeur 19h 30min". Wir könnten also rein rechnerisch am morgigen Tag um 13:15 Uhr unsere Höhenwege-Runde beenden. Doch wollen wir das wirklich? Mittlerweile denken wir schon an eine Verschleppung des Tempos und einem Zwischenstop mehr, denn bald hat die Unbeschwertheit unseres Wanderns ein Ende. Unser Urlaub wäre beendet, denn wir müssten uns um ein Quartier in Courmayeur und die anschließende Buchung der Heimfahrt kümmern. Nein, wir überstürzen auch weiterhin nichts und trotten ganz normal weiter.

Es sind die schon angesprochenen rund tausend vertikalen Meter, die uns nun bevorstehen. Die Sonne heizt zwar ordentlich ein, hat aber nur bedingt Einfluß auf uns, da wir die Hälfte des Hangs im schattigen Wald verbringen. Erst ab der Alpe Champillon (2.057 m) nehmen die Freiflächen zu, eröffnen somit aber auch den besseren Blick auf die Bergwelt um uns.  

P1070797 Alm champillon combin velanAlpage Champillon mit Blick zu Grand Combin (li.) und Mont Velan (re.)

Die Berghütte Rifugio Adolfo Letey Champillon (2.465 m) erreichen wir 17 Uhr. Sie ist verdammt gut besucht und Ute kann die letzten beiden noch vorhandenen Schlafplätze für uns sichern. Zur Not hätten wir auch in der neben der Hütte plazierten Jurte genächtigt, so wie beim PTL 2016 (da stand die Jurte noch auf der anderen Seite der Champillon), als wir in ihr ein kurzes Nickerchen hielten. Eine Reservierung unserer Schlafplätze wären besser gewesen, meint der Hüttenwirt. Doch da liegt ja das Problem begraben: wenn man jede Tour so termingenau planen müßte, verliert so ein Wanderurlaub seinen Reiz. Früher gab es keine Reservierungen über das Internet und ab 20 Uhr auch kein Abweisen von der Hütte - da mußte man zur Not mit dem Winterraum vorlieb nehmen oder auf dem Fußboden oder den Bänken der Gaststätte seine Nacht verbringen und es ging auch.

P1070809 adolfo letey champillonRifugio Adolfo Letey Champillon

Duschen, Klamotten auswaschen und in der Abendsonne vor der Hütte das Panorama genießen. Zum Abendessen ist die Gaststube brechend voll. Dementsprechend laut und für uns völlig ungewohnt ist die Atmosphäre im Raum - da haben wir bisher "ruhiger" gelebt. Wir sitzen mit acht Franzosen an einem Tisch und die aufgetafelte Polenta mit Gulasch ist mehr als genug. Unser zugewiesenes Zimmer teilen wir mit der Italienerin Laura und zwei Holländerinnen. 

08.09.2023 - Alta Via No. 1, Rifugio Adolfo Letey Champillon - Rifugio Pier Giorgio Frassati (25,7 km / 1.530 Hm+ / 1.453 Hm-)

Da Sonnenaufgänge in den Bergen ihren besonderen Reiz besitzen, hocke ich ab kurz nach 6 Uhr vor der Champillon-Hütte. Noch ziehen die Wolken zwischen Talgrund und Hütte ihre Schleier durch die Berge. Die Sonne läßt divenhaft lange auf sich warten und erscheint erst kurz vor 7 Uhr hinter dem vorgestern von uns durchstiegenen Bergrücken von Mont Faroma und Mont Pisonet. Ganz langsam erwärmt sie nun mit ihren Strahlen den hinter der Champillon liegenden Bergstock, den wir nach dem Frühstück als Einstieg in den Tag nehmen werden. Die  Etappenlänge steht nur noch nicht fest und wenn es nur bis Saint-Rhémy gehen würde, wäre genügend Zeit für diese Kurzstrecke. Daher lassen wir den anderen Hüttengästen quasi den Vortritt. Der Großteil geht ebenfalls in unsere Richtung, hat aber schon Quartiere gebucht, wie wir am Vorabend erfuhren.

P1070814 Champillon Sonnenaufgang Die Sonne kündigt sich an!

Der Col de Champillon (2.709 m) ist unser erster Anlaufpunkt. Nachdem die Besuche des Passes 2012 (TOR), 2014 (PTL) und 2016 (PTL) stets im Wettkampfmodus stattfanden, gelingt es uns heute, dem ganzen Ambiente mal die nötige Zeit zu widmen - auch wenn wir bei den vorherigen Aufenthalten nicht kopflos hier drübergerammelt sind.

ColChampillon 001 Col Champillon (im Hintergrund der Mont Blanc)

An der alten Alm Crou de Bleintse (2.380 m) machen wir einen kurzen Halt und bewundern das Deckengewölbe der Steinhütte, welche sogar noch einen (funktionstüchtigen) Ofen in der Ecke stehen hat. Ein schöner Biwakplatz, wenn man mal auf der Hütte nicht reserviert hat ;)

P1070838 bleintse innenSteingewölbedecke und Feuerstätte der Alm Crou de Bleintse

Es geht nun weiter wellig, aber grundsätzlich bergab. An der bewirtschafteten Alm Ponteilles Desot (1.809 m) trennen sich TOR-Strecke und Alta Via wieder einmal. Während der TOR die Talseite wechselt und in den Nadelbäumen des Bois de Esserts verschwindet, folgen wir dem gleichnamigen Bach des Vallon de Menouve weiter talwärts. Nach 200 Höhenmetern Verlust queren wir den Torrent und steigen im fast schattenlosen Gelände zur Prailles Dessus - Bezet (1.626 m) auf. Der dortige Wegweiser ist wieder mal erwähnenswert, zeigt er doch in der Gegenrichtung den Col de Champillon mit "3h 25min" und das Rifugio Champillon mit gerade einmal fünf Minuten Gehzeit mehr an. Kaum vorstellbar, wie selbst die besten Trailläufer der Welt dies bewerkstelligen könnten. Wie gut, daß wir uns nicht danach richten müssen und wie es mit der Umsetzung der Vorgaben für unseren Weg aussieht, können wir glücklicherweise (noch) nicht beurteilen.

P1070849 Blick v bezet z ChampillonBlick von Bezet zum Col Champillon

Zwei schattenwerfende Eschen am Wegesrand sind für eine halbe Stunde unser Rastplatz, ehe es durch die nächsten Häuseransammlungen geht. Oberhalb von Eternod (1.645 m) haben wir einen herrlichen Talblick und man erkennt dabei detailgenau die Streckenführung des PTL von 2016, als wir von der Champillon-Hütte zur Pointe de Chaligne (auf der anderen Talseite) durch Etroubles mussten. Oben am Aussichtsberg angekommen, wartete damals ein Kamerateam und machte Aufnahmen für den UTMB-internen Werbefilm. Ein paar Szenen wurden dabei sogar gestellt! Ja, man kann nicht alles glauben, was einem da dann im Endprodukt serviert wird. Vor allem, wenn es die Szene "ins Fernsehen schafft", auf der Ute mir dort oben die Bergwelt erklärt, indem sie zeigt und ich staunend ins Rund schaue. Heute ist es genau andersrum. Heute lasse ich mal meine geographischen Kenntnisse aufblitzen und Ute hat Mühe, mir zu folgen. Einigen wir uns demzufolge auf "Unentschieden", auch wenn der 2016-er Filmausschnitt wesentlich öfterer zitiert werden wird.

P1070857 blick auf bossesBlick auf Bosses und Saint-Léonard

Wir treffen noch vor Erreichen der Straße, die zum Großen-Sankt-Bernhard-Paß führt, auf die TOR-"Abkürzung". Der Weg ist breit und ohne Schwierigkeit, deshalb rannte ich mir 2012 hier die Seele aus dem Leib (so kam es mir zumindest vor) - mit der Gewißheit, daß unten in Saint-Rhémy (1.619 m) das Abenteuer TOR DES GÉANTS für mich zu Ende sein wird. Nach 303 Kilometern stand damals der Zielbogen in Bosses (1.544 m), etwas unterhalb unserer heutigen Wanderstrecke über Laval (1.620 m), Couchepache (1.664 m) und Mottes (1.660 m) - allesamt Ortsteile von Saint-Rhémy-en-Bosses.

P1070863 passstrasse gr st bernhard Paßstraße zum Großen Sankt Bernhard

Heute haben wir rund 370 Kilometer weg und noch Zeit, um bis zur nächsten Berghütte zu gehen. Also lassen wir die letzte Möglichkeit der Beherbergung im urbanen Terrain sausen und machen uns auf den Weg. Wir laufen unter der überdachten Zufahrt des Bernhard-Tunnels hindurch und sind wieder für uns allein. So wie 2012, als Ute mich auf den restlichen 29 TOR-Kilometern bis Courmayeur begleitete. Der Pfad führt an den Almen Dévies (1.723 m), Merdeux Dessus (1.919 m) und Côtes (1.930 m) immer weiter weg von der Zivilisation.

P1070868 merdeux inferioreAlmhütten von Merdeux

In der verfallenen Alm von Moindaz (1.965 m), die wir oberhalb passieren, leben zwar keine Menschen mehr, dafür hat sich eine Gemsen-Familie diesen Ort als ihr Domizil ausgewählt. So nach und nach erscheinen neben der Geiß auch der Bock (wenn wir das richtig deuten) und zwei Jungtiere auf der Steinmauer, die die Steinhütte einfriedet. Sie lassen sich von unserer Anwesenheit kaum stören und gucken genauso dumm zu uns herauf, wie wir zu ihnen. Nach fünf Minuten gegenseitigem Musterns geht jeder wieder seines Weges - die Gemsen huschen aus unserem Blickfeld vor das "Gebäude" und wir trotten weiter bergauf.

1 9 Gemsen AlmGemsen an der Moindaz-Alm

Neben dem gewohnt hohen Niveau an Bergpanoramen, Flora und Fauna wird es für die Augen nicht langweilig, denn es gibt noch mehr zu sehen. Im Aufstieg durch das Comba des Merdeux beobachten wir die Belieferung der Frassati-Hütte mittels Hubschrauber von der oberen Merdeux-Alm, bis zu der eine als Fahrweg zu titulierende Schotterpiste füht. Insgesamt sechsmal ist er dafür unterwegs. Da sich die Hütten jedoch ab Mitte September auf ihren Winterschlaf vorbereiten, ist anzunehmen, daß diese Fuhren für die Verpflegung des TOR gedacht sind.

P1070879 zur frassatiHochtal von Merdeux

Der Staub, den der Heli bei seiner Arbeit an der Tza de Merdeux (2.273 m) aufwirbelte, hat sich längst gelegt. Noch 35 Minuten zeigt der Wegweiser bis zur Hütte - wieder eines dieser plumpen Gerüchte, die man uns regelmäßig via Beschilderung zu verklickern versucht. Ein großer Bogen um einen grasbewachsenen Buckel, bei dem die verbleibenden 270 Höhenmeter in engem Zickzack genommen werden, vemittelt jedenfalls nicht diesen Eindruck. Mit nur zwei Minuten Verspätung (sicherlich durch das Durststillen in den Rinnsalen, die den Weg querten) stehen wir vor dem Rifugio Pier Giorgio Frassati (2.542 m), welche am Lac de Merdeux von Jugendlichen in freiwilliger Arbeit errichtet wurde. Wer konnte denn nur an der Richtigkeit der Zeitangabe auf dem Wegweiser zweifeln?

P1070887 rifugioFrassatiRifugio Pier Giogio Frassati

Es wird die letzte Übernachtung auf einer Berghütte, bei unserer Aostatal-Umrundung werden. Während auf der Frassati an diesem Abend nur zwölf (der insgesamt 64) Schlafplätze von Wanderern in Anspruch genommen werden, ist die Lage auf den folgenden zwei Hütten wesentlich prekärer. Da die Bonatti und die Bertone am TMB liegen, hat man dort nahezu keine Chance auf ein Nachtlager. Ute hatte diesbezüglich einen telefonischen Versuch auf der Bertone unternommen, welcher quasi dem Anspruch eines verbrieften Lottogewinns mit Abgabe des Lottoscheins gleichkam. Nun ist es von der Bertone bis zum Ende des Alta Via Numero Uno in Courmayeur ein Katzensprung, der eine Übernachtung nicht zwingend erforderlich macht - doch wir hätten dies gern zur (künstlichen) Verlängerung unserer Tour in Anspruch genommen. Auf der Bonatti wurden gar schon im Juni gestellte Anfragen für den September abgewiesen, erzählte uns die Italienerin Laura.

KCAM3569 Frassati PTLDie Frassati-Hütte als Teil der kleinen Reise des Léon (La Petite Trotte á Léon) über 300 Kilometer um den Mont Blanc

Es ist Zeit für das Abendbrot! Die Essenauswahl wird mittels einer großen, beschrifteten Tafel von zwei "Kellnern" an den Tisch gebracht. Leider sind diese Angaben in italienischer Sprache formuliert, doch einer der beiden beherrscht die perfekte Übersetzung des Angebots durch englische Hand- und Zeichensprache. Unsere Vorspeise ist dabei "ohne zweite Meinung": Bohnensuppe - das zweite Markenzeichen Bud Spencers in vielen Italo-Western, wenn auch in unserem Fall (optisch eher einem Bohnenmus ähnelnd) der massig beigemengte Speck fehlt! Weiter geht es mit Linsen und Schweinebraten, zum Dessert gibts Pudding. (Das Dessert ist scheinbar die einzige Speise, die der Italiener nicht mit Parmesan nachwürzt - so zumindest unser Eindruck!) Den stets zum Abschluß des Abendmahls angebotenen Kaffee "tauschen" wir gegen Genepi ein, der einen wesentlich beruhigender in die Nachtruhe wiegt. 

09.09.2023 - Alta Via No. 1, Rifugio Pier Giorgio Frassati - Courmayeur (20,2 km / 635 Hm+ / 1.952 Hm-)

Tag Nr. 10 auf dem Höhenweg 1 bricht an, wohlwissend, daß dies der letzte unserer Tour sein wird. Es fällt schon schwer, sich dafür aufzurappeln. Heute geht es recht langsam in den Tag: 7 Uhr Wecken, 7:30 Uhr Frühstück und 8:30 Uhr Abmarsch. Unter schon großer morgendlicher Anteilnahme der Sonne brechen wir zum letzten Felsdurchbruch auf - dem Col de Malatra (2.925 m).

P1070899 ColMalatra Aust wegDas moderate Intro zum Einstieg in den Fels des Col de Malatra

Er ist für mich, neben dem Loson und dem Crenna dou Leui, einer der spektakulärsten Pässe. Schon von weitem erkennt man die lange, gezackte Felsdiagonale zwischen der Aiguille d'Artanavaz und dem Mont de Rots, durch die der Weg führt. Der Auf- und Abstieg sind relativ einfach, nur im oberen Felsbereich sind Tritte und Seilsicherungen angebracht. Es ist 9:15 Uhr, als wir nach 2012 und 2017 zum dritten Mal den Malatra für uns allein einnehmen.

P1070907 Malatra Aufst 01  Col de Malatra - 2012 war dieser Abschnitt teilweise vereist

An diesem Punkt ist man fertig, man ist durch, egal, ob beim TOR DES GÉANTS oder beim Abwandern der Höhenwege 1 und 2. Der Rest ist Kompott. Auch wenn es vielleicht noch 17 Kilometer sind, der Drops ist gelutscht. Jetzt ja nichts mehr überstürzen! Doch das haben wir schon die gesamte Tour so gehalten - außer bei Regen, da waren wir etwas "eiliger" unterwegs.

OVWW3289 Fotormalatra2023uteCol de Malatra

Wir genießen die Sicht zu beiden Seiten: im Osten stechen die weißen Bergstöcke von Grand Combin und Mont Velan ins Auge und auf der Gegenseite ist es natürlich der Mont Blanc, der alle Blicke auf sich zieht.

P1070913 malatra to mt blancDer Blick vom Malatra richtet sich automatisch auf den "Weißen Monarch", den Mont Blanc

Bedächtig steigen wir ins Malatra-Tal ab, immer wieder zurückblickend zum zackigen Durchstieg. Bald verschiebt sich aber das Interesse der Augen und mit dem Auftauchen des Klotzes der Grandes Jorasses kommt ein weiterer Hingucker dazu.

Malatra Sonne Abstieg 2023 Blick zurück zum Col de Malatra

Mit eingestreuten Pausen zum Essen oder auch nur zum Gucken ziehen wir den Gang ins Tal in die Länge. Die Streckenführung des TOR nimmt mittlerweile die Bonatti-Hütte nicht mehr mit und verläuft über Tza de Sécheron hinab zur Arminaz, wo sie wieder auf den Alta Via (und den TMB) trifft. Das war 2012 noch nicht so, da verlief der Kurs so, wie wir ihn heute nehmen.

P1070928 1 alta via markierungAlta-Via-Markierung im Val Malatra

Oberhalb der Giué Damon (2.228 m) meckert uns mal wieder ein aufgeregter Hund an, der jedoch (wie seine Schützlinge) mit einem Elektrozaun geschützt ist. Dafür lauern uns an der Alm zwei frei streunende Hunde hinterrücks auf, die aber durch die Ankunft ihres Herrchens, der auf einer Enduromaschine vom Val Ferret zur Alm geknattert kommt, abgelenkt werden und deshalb von uns ablassen. 

UMJY5361 Kopie FotorUTEkuhMALATRATAL

Dann hat uns der Menschenauflauf des TMB wieder. Hier wird fast ausschließlich englisch gesprochen und die Rucksäcke der Tour-du-Mont-Blanc-Wanderer scheinen das doppelte Packmaß unserer Kiepen zu haben. Die Gesichter und Beine der (überwiegend) Briten sind entweder käseweiß oder knallrot, je nachdem, wie lange sie schon auf Tour sind. Wir gehören nun unweigerlich zu denen, obwohl wir eine wesentlich einsamere Runde bevorzug(t)en.

P1070927 Malatra TalMalatra-Tal

Gegen 11:50 Uhr treffen wir am Rifugio Walter Bonatti (2.025 m) ein. Schon die Terrasse ist komplett belegt und nur noch am hinteren Teil der Hütte findet sich eine Sitzgelegenheit, die glücklicherweise auch noch im Schatten ist. Ute kümmert sich um die Bestempelung unserer Utensilien und die notwendigen Getränke. Wir kommen mit einem Aachener ins Gespräch, der die Mont-Blanc-Umrundung wandert. Er will noch bis La Fouly und am nächsten Tag nach Trient, wo er seine Tour begonnen hat. Da die Strecke extrem überlaufen ist und damit die Hütten völlig überlastet sind, hat jeder TMB-er ein Zelt dabei. So auch er und so hat er z.B. in Courmayeur in einem Garten gezeltet - natürlich nach Rücksprache mit dem Besitzer des Grundstücks. Ob wir so schmerzfrei sind und uns dazu überwinden können? Mal sehen, wie groß diese Not in Courmayeur für uns sein wird.

P1070930 FotorAV1bonatti jorassesRifugio Walter Bonatti mit den Grandes Jorasses (Punta Walker)

Den Weg zur Bertone beherrschen wir im Schlaf, so oft sind wir ihn schon gegangen. Das dachte ich 2012 auch und da war ich so gut wie im Schlaf. Es war Nacht, mein Gesamtzustand katastrophal und die Streckenmarkierung zudem schon entfernt (u.a. auch durch Kuhfraß!), denn der TOR war auf diesem Abschnitt schon beendet. An der Bachüberquerung bei Arminaz (2.033 m) gab es noch keine Brücke und der Weg ging etwas oberhalb durch den Gebirgsbach. Da es dunkel war und ich doch mehr im Halbschlaf agierte, lotste ich Ute und mich immer weiter gen Col Sapin. Als ich den Fehler bemerkte, wollte ich uns nicht den langen Weg zurückschicken und begann mit der Korrektur meines Fauxpas' mit einem schnelleren Marsch durch Matsch und Heidelbeersträucher am Hang rund 30 Meter oberhalb des Baches. Spätestens da war ich wieder hellwach und konnte uns nach einem (schier endlos erscheinenden) Gestocher sicher auf den Wanderweg zurückführen.

P1070940 FotorAV1 monte bianco kueheFotomotiv Nr. 1: der Mont Blanc

Heute schlafen wir nicht, denn das Bergpanorama ist einzigartig. Die Viertausenderkette rechterhand gibt daher auch die Blickrichtung vor und sorgt so für eine recht einseitige Belastung des Halswirbels.   

Collage FotorAV1rif bertone abstiegMont Blanc und seine Tunneleinfahrt sowie Praz de la Saxe mit dem Mont Chétif

Das Rifugio Giorgio Bertone (1.979 m) an der Siedlung Praz de la Saxe (1.985 m) platzt aus allen Nähten. Sämtliche Plätze auf der Terrasse sind belegt. Wenn jemand seinen Platz räumt, ist Schnelligkeit gefragt und die spielen wir gnadenlos aus. Wenn ihr uns schon keinen Schlafplatz gönnt, sollt ihr wenigstens euer Getränk im Stehen konsumieren, liebe TMB-er! So schlimm ist es dann doch nicht und eben etwas überspitzt formuliert. Man fragt sich aber bei bestimmten Personen, was diese auf einer Berghütte zu suchen haben, da gibt es doch viel geeignetere Orte, um sich so, wie sie es zelebrieren, in Szene zu setzen. Rund 750 Höhenmeter tiefer gibt es da genügend Möglichkeiten - und da müssen wir jetzt hin (und dort sind wir diejenigen, die sich am falschen Ort wähnen). Der Schlängelweg nach Courmayeur ist bestens bekannt und in beiden Richtungen schon oft von uns begangen - heute wäre man gern langsamer, denn mit jedem Schritt kommt man dem Ende des Urlaubs näher. 

Collage FotorAV1 cormayeur ziel16:20 Uhr - Courmayeur hat uns wieder! Chiesa di San Pantaleone (li.) und Societa delle Guide Alpine (re.)

Der Kreis schließt sich am Piazzale Monte Bianco in Courmayeur! Nach zehn Etappen und 208,6 Kilometern mit 14.955 positiven Höhenmetern und 14.060 Metern im Abstieg auf dem Alta Via 1 summiert sich die gesamte Unternehmung auf beiden Höhenwegen auf insgesamt 402,4 Kilometer mit 27.175 Höhenmetern sowohl im Anstieg als auch im Abstieg. Für die insgesamt 31 ausgeschriebenen Tagestouren benötigten wir gerade einmal 18, zu denen sich noch ein Ruhetag gesellt. Über insgesamt 27 Pässe und durch 33 Gemeindegebiete verlief unsere Runde - von nahezu unberührter Natur ohne eine Menschenseele bis zum Massenauflauf und dem damit verbundenen Trubel in Courmayeur, von sonnigen 35°C bis zur Frostgrenze mit Schneefall, dem Schlafplatz unter Sternenhimmel bis zum gediegenen Fünf-Sterne-Chalet oder vom seilgesicherten Bergpfad bis zur Asphaltstraße bot die Tour die komplette Bandbreite eines recht kurzweiligen, weil abwechslungsreichen Wanderurlaubs. 

Collage FotorAV1 2davor danachDer Vorher-nachher-Vergleich: Courmayeur, 22.08. - 7:15 Uhr (li.) und Courmayeur, 09.09. - 16:30 Uhr (re.)

Ein Quartier für die Nacht haben wir noch nicht. Ein Blick ins Telefon am Nachmittag offerierte noch Doppelzimmer zwischen 286 und weit über 400 Euro pro Nacht, natürlich ohne Frühstück. Vielleicht kann uns die Touristen-Information weiterhelfen. Das billigste Hotel ist dabei gleich um die Ecke, ist allerdings auch ausgebucht, zumindest noch für diese Nacht. Am Sonntag startet der TOR und das verändert die Bettenbelegung in Courmayeur und Umgebung drastisch. Wir sichern uns jedoch schon mal die nächsten drei Übernachtungen bis Mittwoch, denn da fährt auch wieder ein Bus Richtung Heimat.

P1070964 ziel in courmayeurStart und Ziel unserer Wanderung: die Alta-Via-Tafel am Piazzale Monte Bianco - der Haken ist dran!

Nach langem Suchen und unter kräftiger Mithilfe der ausgebuchten Hotels gelingt es Ute dann doch noch ein Zweibettzimmer für die Nacht zu ergattern. Der Preis ist ein Schnäppchen, dabei fast identisch mit den zuvor festgemachten drei Übernachtungen, allerdings bezieht dieser sich nur auf eine Nacht. Dafür bietet man uns an der Rezeption die vergünstigte Teilnahme am Frühstück an - 17 statt 25 Euro pro Nase. Als wir dies nicht noch "dazubuchen", hat der Mann im Nebenzimmer ein Einsehen. Vielleicht hat er, während unseres Gesprächs mit der Empfangsdame, unsere schwere Rückenlast zu unseren (nun) hageren Körpern ins Verhältnis gesetzt und will keine Probleme wegen unterlassener Hilfeleistung oder fahrlässiger Körperverletzung bekommen. Das Frühstück ist selbstverständlich im Übernachtungspreis inbegriffen, so sein von uns gerngehörtes Statement.

P1070963 Courmay TORxCourmayeur im Bannes des TOR

Obwohl es schon nach 20 Uhr ist und der Körper nach der Horizontallage lechzt, muß noch die Bekleidung grob durchgewaschen werden, ehe ein alkoholisches Abschlußgetränk die letzte Wanderetappe auf den Höhenwegen ausklingen läßt.

10.09.2023 - Starts des TOR DES GÉANTS in Courmayeur

Heute halten wir unsere Beine mal still. Nach einstündiger Sättigung am Buffet des Hotels zieht es uns in die Innenstadt von Courmayeur. Um 10 Uhr startet auf der Viale Monte Bianco der erste Block (a 600 Teilnehmer) vom TOR DES GÉANTS. Ein riesiges Spektakel, welches wir uns erst gar nicht antun wollten - zu sehr hatten wir uns an die Ruhe und Einsamkeit unserer Wanderung gewöhnt. Doch dann erinnert man sich an das ganze Drumherum von 2012 und kann gar nicht anders ... kurz vor 10 Uhr stehen wir mit unseren sperrigen Kiepen im Gedrände an der Via Roma (ungefähr 150 Meter vom Startbogen entfernt, denn ein weiteres Vordringen ist nicht möglich).

TORX Start 2023 SprecherIvan Parasacco, Silvano Gadin und Catie Friend    /    Silvano Gadin mit dem Autor dieser Zeilen

Die markante Stimme von Moderator Silvano Gadin dringt durch die Gassen, Hans Zimmers Filmmusik zu "Fluch der Karibik" setzt ein und dann beginnt die versammelte Zuschauerschar mit dem Herunterzählen: "Nove, otto, sette, sei, cinque, quattro, tre, due, uno.", um danach in kollektives Jubeln zu verfallen. Die Läufer drängen sich nun durch die enge Gasse - die ersten ambitioniert und hinten wird bedächtig gewandert. Für den zweiten Start um 12 haben wir uns schon unserer Rucksäcke entledigt und unser Zimmer im Ein-Stern-Hotel belegt. Wir stehen nun direkt vor der Startlinie und das Sprecher-Trio Silvano Gadin (italienisch), Ivan Parasacco (französisch) und Catie Friend (englisch) läuft zur Hochform auf, um den Funken auf das Publikum überspringen zu lassen.

TORX zweiter start 2023 12-Uhr-Start des TOR DES GÉANTS

Mit dem gleichen Zeremon, wie zwei Stunden zuvor, nehmen auch diese knapp 600 Läufer die Tour mit einem Bogen durch die Gassen Courmayeurs in Angriff. Ruckzuck sind nun auch die Zuschauer die Via Croux hinab verschwunden, die eine Abkürzung zur TOR-Strecke nimmt. So kann der Pulk noch einmal am Piazzale Monte Bianco "auf die Reise geschickt werden".

11.09.2023 - Wanderung ins Val Ferret (19,4 km / 470 Hm+ / 470 Hm-)

Ausgeschlafen, gefrühstückt und nun? Wieder durch Courmayeur latschen und am TOR-HQ die stündlichen Neuigkeiten über die Leinwand flattern sehen oder auch nur die Werbung, die da läuft? (CURSA500 wird da permanent beworben: 500 Kilometer durch Sizilien, 20.000 Höhenmeter, 170 Stunden Zeitlimit! Wenn man es oft genug sieht/hört, wird man weich!) Zum x-ten Mal im Buchladen vorbeischauen, ob es die hochwertige italienische Literatur zu Alta Via 1 und 2 nun endlich auch in deutscher Sprache gibt? (Bei anderer Fachliteratur zum Thema Berge geht es ja auch!) Wiederholt erfolglos Ausschau nach einem Alta-Via-Hemd halten, welche es von der Tour du Mont-Blanc en masse gibt? (Ja, wir erkennen nun endgültig, als Exoten unterwegs gewesen zu sein!)

JTNH4754 Kopie FotorASGvaldignecalcioFußballplatz von Courmayeur - mit Mont Blanc als Dauerkarteninhaber

Es gibt da aber noch ein Tal zwischen den Viertausendern und dem Mont de la Saxe, wo wir uns endlich mal die Zeit "zum Füße in den Bach halten" gönnen könnten - das Val Ferret. Also packen wir etwas Verpflegung ein und füllen diese im Supermarkt am Ortsausgang noch auf. Wir nehmen die Straße Richtung Mont-Blanc-Tunnel, biegen in Entréves (1.304 m) ins Ferret-Tal ab und suchen uns ein schattiges Plätzchen am Doire du Val Ferret in der Nähe der Häuser von Praz Sec d'en Pas (1.630 m). Der wohlverdiente Strandtag des Urlaubs, ohne nervige Uhren- oder Melonenverkäufer, dafür aber mit herrlichem Blick auf den gegenüberliegenden Jorasses-Felsklotz mit seinen Gletschern Planpincieux, Grandes Jorasses, Praz Sec und Tronchey. Während die Getränke im Bach die noch fehlende Kühle annehmen, turnen wir ein wenig auf den vom Wasser eingeschlossenen Felsbrocken herum. 

MSDY7075 Kopie FotorUTEbachFERRETDoire du Val Ferret

12.09.2023 - Wanderung ins Val Veny und auf den Mont Chétif (27,0 km / 1.280 Hm+ / 1.280 Hm-)

Das Wetter richtet sich so langsam auf unsere Abreise ein. Die Sonne läßt sich nur noch sporadisch blicken, dafür hängen die Wolken ungewöhnlich tief, als wolle man uns damit sagen: lasst es heute pomalo ausklingen, besser als die letzten drei Wochen wird es sowieso nicht mehr! Ganz kühn hatte ich noch eine Besteigung des Petit Mont Blanc (Dreitausender im Vorhof des Monarchen, umgeben von dessen Granit- und Eiswänden) vorgesehen, dabei aber schon leichte Zweifel gehegt, da man von unserer Herberge aus rund zwölf Stunden Gehzeit einplanen sollte. Dazu gesellen sich dann eventuelle Orientierungsschwierigkeiten im Fels und unsere vielleicht zu minimale Ausrüstung (Yaktrax XTR statt Steigeisen) für den Firngrat im Gipfelanstieg. Nun hilft uns das Wetter bei der Tourenwahl entscheidend weiter, denn einen Aussichtsberg ohne Weitblick kann man sich schenken - ins Val Veny gehen wir aber trotzdem.

JFBR4813guersinSantuario di Notre-Dame de Guérison

Auf der Straße, die ins Val Veny führt, kommt zwar der Wandergedanke nicht ganz so zur Geltung, wie man es von den Vorwochen gewohnt war, ist aber der schnellste Weg dahin. Unterwegs hat man einen schönen Blick auf die Einfahrt in den Mont-Blanc-Tunnel und in die Wallfahrtskirche am Straßenrand, die Santuario di Notre-Dame de Guérison (1.445 m) sollte man auch einmal vorbeischauen. In der Kapelle sind die kompletten Innenwände mit "Opfergaben" von vom Unglück verschonter oder durch Wunder geheilter Gläubigen geschmückt. So findet sich neben vielen Bildern und Gemälden von Unglücken in den Bergen oder mit Fahrzeugen auch eine Eintrittskarte eines überlebenden Juventus-Turin-Anhängers aus dem betroffenen Block Z des Brüsseler Heysel-Stadions von 1985 wieder. Beim damaligen Endspiel im Europapokal der Landesmeister kamen nach einer Massenpanik 39 Fußballfans ums Leben.

UEGX7418Chetif pausenplatzPause bei Frêney mit Blick zum Mont Chétif

In Perthud (1.494 m) biegen wir vom Teer ins Gelände ab. Durch die parkähnliche Anlage des Bois du Peutérey gewinnen wir nur unmerklich an Höhe. Oberhalb der Drei-Häuser-Siedlung Frêney (1.586 m) gönnen wir uns eine Pause und erörten dabei den Rückweg: an der Brücke über den Fluß Doire du Val Veny (1.590 m) die Straße zurück nach Courmayeur oder im Wald über Plan Checroit zurück nach Dolonne. Da beide Varianten keinen großen Zuspruch erfahren, wählen wir den Mittelweg (zumindest verkaufe ich Ute dies so). Unterhalb La Visaille (1.630 m) nehmen wir einen Waldweg am Hang, welcher parallel zur Straße talwärts führt - nur eben leicht steigend. Es ist scheinbar eine Variante des TMB, wenn man sich vom Lac Combal nach Courmayeur die Höhenmeter der Originalroute nicht antun möchte. Jedenfalls haben wir am heutigen Tag ein paar gutbepackte Wanderer dieser Coloir gesehen.

Auch am Rifugio Monte Bianco (1.671 m) beziehen gerade zwei Weitwanderer ihr Quartier. Wir nehmen nur ein Getränk zu uns und sind kurz darauf wieder in der Spur. Der einfache Weg wäre nun, die Straße talwärts (die auch bergab führt) zu nehmen, um den Rest der Strecke auf Asphalt zu bewältigen. Variante B ist der weitere Aufstieg zum Weiler Pré de Pascal (1.904 m), von wo man noch auf relativ angenehmen Weg nach Praz Neyron käme. Es gibt aber auch hier eine zweite Möglichkeit: weiter Richtung Via Ferrata (Klettersteig) und diesen dann bergab nach Dolonne.

UXSE2238 Kopie Fotor Collage Chetif via ferrataAnstieg zum Mont Chétif über den "Klettersteig"

Klar, so machen wir das! Von hinten drückt blöderweise starke Bewölkung mit ergiebigen Regenschauern. Dann stand auch noch eine Gewitterwarnung für den heutigen Tag im Raum. Es herrschen also beste Bedingungen für den mit Eisenketten und Stahltritten abgesicherten Steig. Beim PTL 2016 hatten wir den komplett bei Nacht im Anstieg gemeistert und 2017 nochmal in Ruhe tagsüber erledigt. Doch bei Nässe (ein Gewitter kommt glücklicherweise nicht auch noch dazu) ist ein Absteigen, welches am Wegweiser mit zweieinhalb Stunden angegeben wird, nicht ratsam. Dann müssen wir eben weiter hoch!

MRTQ11ChetifausblickRegenbogen über Courmayeur   /   Wolken über dem Mont Blanc

Ab und zu gönnt uns dabei das Wetter eine kleine Regenpause und belohnt unsere Engstirnigkeit letztendlich mit Besserung. Am nächsten Wegweiser (2.236 m) könnten wir dann den Weg nach Praz Neyron nehmen, doch der Gipfel des Mont Chétif lockt - der Stichweg ist schnell genommen und der Mont Chétif (2.343 m) um 16 Uhr zum dritten Male (nach 2012 und 2017) bestiegen. Über den höchsten Punkt des Berges führt der Weg noch vor bis zum östlichen Wandabbruch (über den wir uns vor rund einer dreiviertel Stunde durch die Reste des Klettergartens bemühten), wo die Kapelle Madonna della Pace mit dem Gipfelbuch wartet.

HMMO0289 Kopie Fotor Collagemontchetif uteMont Chétif

Es ist das Wetter, welches mit starkem Wind und dunklen Wolken unseren Gipfelaufenthalt zeitlich stark eingrenzt. Für eine Rast im unteren Teil des markanten Gipfelaufbaus erbarmt es sich dann wieder - Aprilwetter im September! 

In Praz Neyron (1.890 m) treffen wir dann wieder auf den Alta Via Numero Due, wo unsere Reise vor genau drei Wochen begann. Die Berghütte Le Randonneur du Mont Blanc ist heute allerdings schon winterfest gemacht. Wir nehmen den weiteren Talweg anfangs auf dem (etwas längeren Wirtschaftsweg), später wieder auf dem staubigen Höhenweg. Der Tag endet mit einem Picknick im Parco Bollino und dem Besuch des Pavillons, wo wir uns noch über den Zwischenstand beim TOR informieren.

13.09.2023 - Zielankunft TOR DES GÉANTS 

Die Aufregeung ist groß - ab 1:30 Uhr schaue ich in regelmäßigen Abständen aufs Telefon, um die Position des führenden Franco Colle beim TOR DES GÉANTS nachzuverfolgen. Halb vier machen wir uns dann aus unsrer Unterkunft auf den Weg zum Ziel. Es sind nur rund zwei Dutzend Zuschauer da, als der Italiener 4:39 Uhr den letzten Höhenmeter auf einem Holzpodest unter dem Zielbogen nimmt. Er ist gezeichnet von den 326 Kilometern (ohne Schlaf) und nimmt für die anstehende Befragung durch Silvano Gadin erstmal im Ziel platz. Mit 66:39:16 Stunden stellte der nun viermalige Sieger (2014, 2018, 2021, 2023) einen neuen Streckenrekord auf.

WHKH4653 Kopie Fotor CollageCOLLEfinischTORNeuer Streckenrekord beim TOR DES GÉANTS: Franco Colle aus Gressoney-Saint-Jean

Als ich 2012 meinen TOR beendete, war es 3:06 Uhr nachts und nur zwei Carabinieri warteten am Zielbogen (auf mich). Das lag daran, daß der Wettkampf nach 303 Kilometern in Saint-Rhemy-en-Bosses abgebrochen wurde. Aufgrund eines Wetterumschwungs war der Col Malatra vereist und die Sicherheit der Teilnehmer nicht mehr gewährleistet. Nur 73 Läufer hatten bis dahin diese Stelle passiert und konnten ihren Zieleinlauf in Courmayeur feiern. Für die restlichen (noch im Rennen befindlichen) Teilnehmer wurde ein Zieleinlauf nach 303 Kilometern organisiert, damit sie auch als Finisher gewertet und geehrt werden konnten. Da ich jedoch die gesamte Runde machen wollte, machte ich mich (nach einer langen Schaffenspause in Bosses) gemeinsam mit Ute auf die verbleibenden 29 Kilometer (in Eigenverantwortung). Ein Franzose, der uns dabei begleiten wollte, kneift. So waren wir allein unterwegs - ich allerdings in einem miserablen Zustand. Das Rifugio Frassati war damals noch im Bau und als VP Refuge Lac tituliert, den es bei unserem Eintreffen natürlich nicht mehr gab. Kurz vorm Dunkelwerden hatten wir den vereisten Aufstieg zum Malatra geschafft und wurden mit einem einzigartigen Bergpanorama belohnt.

                               TOR DES GÉANTS 2012 - gemeinsam mit Ute am Col de Malatra

Der Abstieg fiel schwer, in der Bonatti rasten wir erneut und waren von deren Gastfreundschaft überwältigt. Man verpflegt uns kostenlos und bot uns eine Übernachtung an (da sie schon einen anderen TOR-Läufer ins Bett gebracht hatten). Wir setzten aber unsere Tour fort, verliefen uns, ich nahm unterhalb der Bertone noch 'ne Mütze Schlaf, wurden im Parc Bollino von der automatischen Bewässerungsanlage überrascht und nahmen die letzten Meter in Angriff. Der rote Teppich vorm Zielbogen war umgekrempelt und mußte natürlich noch geglättet werden - dann war es soweit, nach 137 Stunden und 6 Minuten war die Runde für mich beendet. Auch der Fotoapparat schaffte es gerade noch, diesen Moment festzuhalten, ehe auch er schlafen ging. Ute mußte dann noch das Auto aus Saint-Rhemy holen - dies gelang ganz gut in Kooperation mit den TOR-Organisatoren und als Gegenleistung nahm sie einen japanischen Teilnehmer (Take) mit zurück nach Courmayeur, der sonst nicht aus Rhemy weggekommen wäre. 

AVKN5656 ZielTORxZielgasse   /   Silvano Gadin und Franco Colle

Franco Colle bestritt 2012 auch seinen ersten TOR und wurde nach 75:36:07 Stunden Gesamt-Fünfter und damit bester Italiener. Der in Gressoney-Saint-Jean geborene Skisportler wurde von seiner Schwester zum TOR angemeldet, weil sie ihm dieses Abenteuer zutraute. Danach konzentrierte er sich voll auf diese ihm neue Sportart und trainierte mit Erfolg: bevor er sich dem TOR DES GÉANTS stellte, gewann er den Gran Trail Valdigne und den Matterhorn Cervino X-Trail.

EKZQ5148 Kopie FotorTOR2023zielAFONSO Afonso aus Portugal

Nach dem Frühstück und dem Packen der Sachen für die Heimfahrt sind wir wieder im Zielbereich, dabei haben wir den Zieleinlauf des Zweitplazierten (Oliver Romain, FRA - 69:49:38 h) knapp verpasst. Die Abstände zwischen den nachfolgenden Läufern sind groß, doch wir verharren weiter vor Ort - 3. Platz: Galen Reynolds, DCN - 71:22:30 h, 4. Platz: Damian Hall, GBR - 72:04:07 h , 5. Platz: Gianluca Galeati, ITA - 72:16:06 h , 6. Platz: Corneliu Buliga, ROM - 73:27:14 h, und dann, wie aus heiterem Himmel kommt auch er, unser Freund aus Portugal, an den wir so oft denken mußten. Die Begrüßung ist herzlich, es gibt viel zu erzählen. Er ist zwei Tage nach uns (von seiner TOR-DES-GÉANTS-Wanderung) in Courmayeur angekommen, weil er drei Tage in einem Talort festhing, als er sich den Magen verdorben hatte. Er heißt Afonso, die Telefonnummern sind ausgetauscht - vielleicht läuft/wandert man sich ja mal wieder über den Weg!? Den 7. Platz erleben wir dann noch gemeinsam: Martin Perrier, SUI - 74:12:03 h. 

LICF7447 Kopie Fotor Collagefinishline450Finisher Alta Via 1 + 2: Ute und Thomas   /   Sieger TOR 450: Sebastien Raichon (beide Bilder: Afonso)

Doch irgendwann ist auch der erholsamste Urlaub mal zu Ende und der Weg zurück in den Alltag, in das Hamsterrad, welches keinen Stillstand erlaubt, steht an. Vorbei sind dann Ruhe und Einsamkeit. Hektik und Panik(mache) bestimmen wieder den Zyklus. Das Wetter macht einem den Abschied leicht, denn die tiefhängenden Wolken haben die Berge längst verschwinden lassen. Kurz vor unserer Busabfahrt erreicht dann auch noch der Sieger des TOR DES GLACIERS das Ziel: Sebastien Raichon, FRA - 114:29:01 h. Er war im finalen Sektor schneller, als es via "TORX live" prognostiziert war. Zu diesem Zeitpunkt saßen wir schon gedankenversunken am Piazzale Monte Bianco. Vielleicht planten wir da auch schon unseren nächsten Besuch in den Bergen? Es wird jedenfalls schwer, diese dreieinhalb Wochen Urlaub (448,8 km / 28.925 Hm+ verteilt auf 20 Wandertage) zu steigern.

Fazit: Die fiktiven Rucksäcke aus dem Aostatal sind abgeholt! Das heißt jetzt aber nicht, daß wir diesem Landstrich gegenüber keine Verpflichtungen mehr hätten. Dafür hat der Urlaub zu viele neue Ideen aufgeworfen: Gran Paradiso? Walserweg? Petit Mont Blanc? Alta Via 3 + 4? TOR DES GÉANTS? Und wenn das alles nicht mehr zieht, hole ich mir irgendwann meinen 8-Kilogramm-Ranzen zurück, den ich auf der Wanderung gelassen habe. Dann ist nichts mit spartanischen (aber trotzdem nicht billigen) Urlaubstagen, denn der kulinarische Teil der Region muß ja auch noch erkundet werden: Rotwein, Grappa, Genepi, Fontina, Fromadzo, Jambon de Bosses oder Lard d'Arnad! Vielleicht kann man sich dann auch an das valdostanische Brot gewöhnen? Doch alles zu seiner Zeit, Rucksäcke (resp. Ranzen) können geduldig sein. 

 

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