Rundenhatz

9. Leipziger Wintermarathon 2018

Geschrieben von Thomas Delling.

20.01.2018 11 Uhr 42,195 km 20 Hm+ 20 Hm-

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Zum x-ten Male steht ein Marathonlauf "aus der Kalten heraus" auf dem Programm - wo sollte dies besser gelingen, als beim Wintermarathon in Leipzig? Bei dem zwar der Name nicht immer Programm ist, die Jahreszeit jedoch für die nötige Abkühlung sorgen dürfte. Mit je nur zwei 2018er Trainingseinheiten und insgesamt 28 Kilometern Laufleistung ist die Vorbereitung von Ute und mir dabei im Soll. Rene schert zwar, in puncto Trainingsfaulheit, etwas aus der Reihe, wird aber trotzdem für den Versuch "42 ohne Vorleistung" von uns geduldet - schließlich bestimmt der schwächste Läufer den Ausgang der Unternehmung.

Von meinen Mitstreitern bekomme ich jedoch im Spätsommer 2017 die Pistole auf die Brust gesetzt: entweder ich unterlasse die ständigen Zielzeitrechnungen während des Laufes und die damit verbundenen psychischen und physischen Qualen der beiden oder ich bin raus! Dies würde bedeuten: Es gibt keine klaren Kommandos von kompetenter Stelle mehr! Ein Laufen ins Uferlose droht! Sogar die "Vier" auf der Endabrechnung ist denen lieber, als ein bißchen Motivation von meiner Seite!

Kurz vor Weihnachten melde ich trotzdem diese Truppe, welche die letzten beiden Jahre in Leipzig schon als Verbund zusammen unterwegs war, an. Im Vorjahr gelang mit einer Zeit von 3:59:59 Stunden zwar die schlechteste Zielzeit in Leipzig, an der ich mit meinen damals sechs Teilnahmen beteiligt war - nur stellte diese eine geniale Punktlandung (welche erst durch einen Zielsprint ermöglicht wurde) dar. Im Jahr davor liefen wir dagegen mit 3:49:20 Stunden recht unspektakulär bei der Zeitnahme am Zielbogen ein. Nun steht für dieses Jahr also ein Läufchen mit "open end" vor der Tür. Wäre ja egal, was auf der Urkunde prangt - so der Tenor. Und ich? Ich bin es doch, der sich vor Jens verantworten und erklären muß, weshalb unser alter Leitsatz "Marathon unter 4 Stunden geht immer!" nicht mehr umsetzbar ist. Ute und Rene sind da fein raus - sie haben keine Bringeschuld! Trotzdem bedeutet die 2018er Ausgabe des Wintermarathons für mich: Fresse halten und die Situation nehmen, wie sie ist - schließlich zählt für die Ergebnisliste nur eine Zielankunft gemeinsam als Trio und da muß ich mich (als Minderheit) eben zwangsläufig fügen.

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Bei so viel Ignoranz dem Mythos Marathonlauf gegenüber, schwelge ich lieber in den Erinnerungen an bessere Tage - und wo könnte man das nicht besser, als in Berlin - der Stadt der Marathon-Weltbestleistungen? Bei meinem zweiten 42er erlebte ich einen, der insgesamt neun in Berlin aufgestellten Rekorde, als Haile Gebrselassie 2008 als erster Mensch unter 2:04 Stunden blieb. Allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt irgendwo bei Kilometer 30 unterwegs und kam erst 1:02:52 Stunden nach ihm ins Ziel. Nun wäre es müßig gewesen, diese magischen Punkte im Feierabendverkehr des Freitags anzusteuern. Deshalb entscheidet sich auch die familieninterne Männerrunde für das Olympiastadion, wo zwar jetzt nicht dem Marathontor als historisch bedeutendem Bestandteil des Bauwerks gehuldigt und auch nicht dem Olympiarekord von 1936 (2:29:19,2 h) gedacht wird - nein, es gibt keine historisch umrahmte Pastaparty! Es geht schlichtweg um Fußball, Bier und dummes Gequatsche! Der ortsansässige Ballspielclub mißt sich dabei mit einem preußischen Ballspielverein aus dem Ruhrgebiet, an dessen Ende ein 1:1-Unentschieden die Anzeigetafel schmückt. Nach diesem durchschnittlichen Erstligakick gestaltet sich die Rückfahrt nach Chemnitz äußerst zäh, so daß ich erst nach 3 Uhr eine kurze Schlafpause bis zur morgendlichen Weiterfahrt nach Leipzig einlegen kann.

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Mit "Waldläufer" Sören teilt dann wenigstens eine Person unserer Fahrgemeinschaft in die Messestadt den Ehrgeiz, etwas reißen zu wollen. Mit ihm war ich auch schon zweimal in Leipzig unterwegs - unsere Zielzeiten gemeinsam mit Sven aus Flöha sind heutzutage für mich nicht mehr machbar. Da gab es 2014 einen Zieleinlauf nach 3:16:31 Stunden und im Folgejahr nach 3:27:46 Stunden. Während, so habe ich das Gefühl, beim gemeinen "Wald- und Wiesensportler" nur die Zielankunft (egal wann!) den heutigen Aufgabenbereich umschreibt, wollen Sörens "Waldläufer" nach drei Stunden die Rundendreherei im Clara-Zetkin-Park für sich beendet haben.

Die äußeren Bedingungen in Leipzig sind wenig winterlich: es liegt kein Schnee, die Wege sind so gut wie trocken und das Thermometer bietet mit einem Strich über Null noch nicht mal Frost an. Donnerstags-Sturmtief Friederike hat zudem nur wenig Holz auf und nicht viel mehr neben die Strecke plaziert. So liegt gegenüber der Trabrennbahn Scheibenholz eine größere Pyramidenpappel parallel zur Straße und im Waldstück Nonne schmücken vereinzelt ein paar abgebrochene Kronenteile den Wegrand, sowie Kleinschlag die Strecke. Sicherlich hat der Sturm im Clara-Park auch etliche Bäume entwurzelt, diese liegen jedoch außer Reichweite des Laufparcours und gehen somit nicht in die Marathon-Statistik mit ein. Bei so viel läuferfreundlicher Betätigung von Frederike ist es natürlich selbstredend, daß zur Veranstaltung kein Lüftchen weht. Es herrschen also beste Voraussetzungen für einen "vernünftigen" Eintrag ins Ergebnisprotokoll.

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Vor dem Start muß ich meinen beiden Mitstreitern noch das Gelöbnis auf "Inneren Frieden durch Ruhe und Gelassenheit" schwören - erst dann sind sie bereit, mit mir ein Mannschaftsbild schießen zu lassen. Leicht verspätet setzt sich dann der Tross der 70 Dreier-Mannschaften in Bewegung. Wir haben uns leistungsorientiert in der hinteren Hälfte des Startblocks eingereiht, denn mit einem angestrebten Parkbummel hat man weiter vorn nun wirklich nichts zu suchen. Die ersten hundert Meter sind daher auch nur ein Dahinschlendern und selbst danach wird unser Tempo nicht merklich angezogen. Innerlich rumort es zwar, aber mein Gelübte zwingt mich zur Verschwiegenheit gegenüber Ute und Rene. Beim Rundendurchlauf Nr. 1 sind wir gerade so im 4-Stunden-Plan, welcher dann aber auch gleichbleibend abgearbeitet werden müßte. Da jedoch ein Marathonlauf nicht auf den ersten Metern entschieden wird, laufen meine Hochrechnungen Runde für Runde im Hintergrund.

Anfangs lenke ich mich mit Rene bei Gesprächen über den Fußballsport und seinen kommerziellen Auswüchsen vom Kernproblem des heutigen Tages ab. Doch das Thema ist verhältnismäßig schnell durchphilosophiert und Angst machen mir nun die ersten Teams, welches uns nun schon ziemlich zeitig am Tage überrunden. Als Dritte kommen Sörens Waldläufer vorbei - Halbmarathon in 1:31 Stunden. Diese Marke werden wir erst nach 1:57 erreichen und nur der kühnste Optimist (zu dem ich mich nun zwangsläufig bekenne) glaubt hier noch an ein U4-Endergebnis! Unser Zeitpolster ist gering und auch bei gleichbleibendem Tempo schnell aufgebraucht, wenn auch nur ein Toilettengang den Trott unterbrechen sollte - und dieser ist ja schon liebgewordene Tradition, wenn Ute länger als drei Stunden im Wettkampf unterwegs ist.

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Beim Rundendurchlauf nach 30 Kilometern unsererseits erfolgt der Zielsprint der Gesamtsieger. Ich warte die paar Augenblicke auf die Möglichkeit, den Moment im Bild festzuhalten. Ich hatte zwar anfangs dutzende Bilder vom Geschehen (dabei auch von den Magdeburger Jungs) gemacht, diese jedoch fälschlicherweise unterwegs wieder gelöscht, als mir der Fotoapparat eine volle Speicherkarte signalisierte - ein falsch von mir verstandener Befehl und alle fotographische Mühe war umsonst. Doch dafür gibt es ja die Mehrfachbewältigung des Kurses und so die Möglichkeit sämtliche Motive noch einmal anzuvisieren: selbst der am Streckenrand abgestellte Bierkrug mit Motiv vom Marineehrenmal Laboe bekommt so seine zweite Chance auf der nun freigeräumten Speicherkarte.

Während ich also den Triumph der Magdeburger bildlich protokolliere, stärken sich Ute und Rene am Stand im Start- und Zielbereich für eine weitere Runde. Von dort aus lassen Rene und ich Ute stets genügend Vorsprung, weil wir uns dann wesentlich länger am Zelt mästen können und Ute unserer Meinung nach schneller läuft, wenn wir nicht dabei sind. Schneller laufen wir dann natürlich auch - unter vier Minuten, Intervalltraining also! Bis zum ersten Kilometerschild ist unsere Mannschaft wieder komplett und geht die restlichen vier Kilometer der Schleife gemeinsam an, um diese Prozedur dann Runde für Runde zu wiederholen.

Trotzdem läuft uns gegen Ende die Zeit davon! Die Zahlen in meinem Kopf rattern! Jetzt darf es keinen Hänger mehr geben - und auch keine Pause beim 40-km-Rundendurchlauf, denn wir sind schon 25 Sekunden über meiner festgelegten Zwischenzeit von 3:48:00 h. Doch die eingeschlichene Anarchie, dieses "Alles kann, nichts muß!" bringt mich fast zur Weißglut. Also gibt es doch eine kurze Pause und mit einer Minute Rückstand auf meinen Plan haben wir nur noch elf Minuten für 2,2 Kilometer. Normalerweise machbar! Nur eben für Ute nicht, schon gar nicht, wenn sie ewig keinen dieser längeren Läufe gemacht hat. Also hilft jetzt nur noch ein beherztes Zupacken meinerseits, um verlorene Zeit auf den letzten Metern wieder zurückzugewinnen. Rene gibt nun die Schlagzahl als Windschattenspender für Ute vor, während ich ihr fehlendes Tempo mit maximaler Zugkraft an ihrem Arm ersetze. Für den letzten Kilometer übernimmt dann Rene Utes anderen Arm und es funktioniert - als hätten wir noch nie etwas anderes gemacht. Ute ist am Limit! Jeder zweite Blick geht auf die Uhr. Wir laufen allmählich ins Plus. Ich hatte ja acht Runden Zeit, mir an markanten Punkten Zwischenzeiten für bestimmte Streckenabschnitte im Zielbereich zu merken und diese Zahlen werden nun mehr oder weniger von mir ins Verhältnis gesetzt, um unsere Chancen noch auszuloten.

An der letzten Spitzkehre weiß ich, daß wir es schaffen werden, auch wenn Ute nochmal kurz Resignation vermeldet. Wir sind jedoch gerade so gut in Schwung und siehe da - "locker" unter vier Stunden! Ende gut, alles gut! Elf Sekunden schneller als im Vorjahr. Ergo: Lauftraining raubt nur unnütz Zeit! Beim Wettkampf reicht es vollkommen aus, zur rechten Zeit die Arschbacken zusammenzukneifen, dann kann man auch hinterher entspannt zum Feierabendbier greifen und mir bleiben im Nachhinein die langwierigen Erklärungsversuche gegenüber Jens Mende erspart.

Ergebnis:

1. Magdeburger Jungs    1. Männer / 1. U90 2:48:32 h 
2. Die another Day    2. Männer  2:51:03 h 
3. Die Waldläufer   3. Männer 3:03:35 h
4. Blau-Weiß Bürgel und Freunde    4. Männer  3:07:02 h 
5. Die drei lustigen Schneesöckchen    5. Männer  3:12:46 h 
6. Das Schärfste, was der Marathon zu bieten hat!    1. Mixed  3:21:03 h 
25. Wald- und Wiesensportler   8. Mixed 3:59:48 h
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